Tagebuchseite -879-

Inselwunsch

Ich wünsche mir eine Insel. Nein, keine reale Insel, kein Atoll, weit in der See gelegen, fern von allen und allem. Und, nein, auch keine Insel der Glückseligkeit im virtuellen Sinne. Es geht mir nicht um Glückseligkeit.

Es geht mir um einen festen Halt, etwas, das nicht an mir zerrt, das mir Erdung ist, dass mich ruhiger werden lässt. Nicht gelassener. Handlungsfähiger, weil meine Seele bündelnd und beschützend. Nicht zuletzt vor sich selbst.

Viele Menschen sehen mich als berechenbar, als einfühl- und mitfühlsam, als respekt- und rücksichtsvoll, als vertrauenswürdig und grundsätzlich hilfsbereit, als menschlich. Es scheint wohl kaum so, als ob ich Halt bräuchte. Ich wirke orientiert und wissend, ich wirke ausgleichend und so, dass ich Menschen erreichen kann. Mir wurden sogar schon „Charisma“ und eine sehr „schöne Aura“ nachgesagt.

Aber, das, was die Welt ausmacht, das Leben, die mich unmittelbar umgebende Welt, ihre Einflüsse, auf mich und mein eigenes Leben, und schließlich dieses eigene (Er)Leben selbst sind so komplex, so widersprüchlich, erscheinen mir also bisweilen absurd, krank, irritierend und letztlich in ihrer Vielfalt und Gemengelage gefährlich. Sie machen mich unsicher, sie sind und werden mir zu viel, ich vermag sie nicht angemessen einzuordnen und zu verarbeiten. Sie sind wie eine beständige, schlimme Reizüberflutung.

So sehr, dass ich mir eben jene Insel, eine Insel des Halts, der Erdung, wünsche. Es gibt ein paar ganz, ganz wenige Menschen, die mir sehr vertraut sind, die ich wirklich kenne und liebe, die mir in dieser Weise Insel sind. Meine größte Dankbarkeit gilt ihnen

Aber, und dafür schäme ich mich, obwohl ich mich ihrer sicher sein kann, dem, dass sie da sind, gibt es nicht selten Momente, in denen sie mir fehlen. So sehr meine Seele sich bewusst macht, dass sie mir immer nah sind, so sehr sendet sie immer wieder Signale zu spüren, dass sie ja doch nicht unmittelbar da sind, da sein können und so die Insel eben sehr oft eine ideelle, eine virtuelle ist.

Ja, ich schäme mich sehr dafür, dass ich so empfinde. Denn wie unendlich groß ist das Geschenk, sich überhaupt derartiger Inseln in Menschengestalt gewiss sein zu dürfen! Ich weiß das wohl, und deshalb erscheint mir die immer wiederkehrende Bitte nach mehr Nähe im Realen sehr unbescheiden.

Aber ich schaffe es nicht, mich wirklich zu wehren gegen jenes wiederkehrende Empfinden des Fehlens. Dieses, ich bin da völlig aufrichtig, gar nicht so seltenen Empfindens.

Es ist so wenig selten wie die Instabilität, die Fragilität, die Widersprüchlichkeit, die Bedrohlichkeit des so vielen, was mich umgibt und was Welt und Leben und ihre Einflüsse auf und für mich ausmachen.

Ich sehe das Gesicht und höre die Worte meines Vaters am letzten Wochenende, ich sehe die Bilder der Ermordung eines farbigen Menschen und nehme die Verunglimpfung von Menschen wahr, die gegen Rassismus aufbegehren.  Ich spüre den Eifer und die schöne ind so wunderbar unverfälschte soziale Kompetenz der 11-und 12jährigen Kinder, die mir anvertraut sind, und erfahre von der infamen Heuchelei saudi-arabischer Magnaten, die es sich auf einer „Geber“konferenz  generös eine vergleichsweise hohe Geldsumme kosten lassen, den Jemen unterstützen, jenes Land, in dem sie selbst seit hunderten Tagen abertausende Zivilisten mit eigenen Waffen und solchen „des Westens“  dahin morden. Ich sehe die Angst und das ideelle und materielle bedroht Sein vieler, unter anderem vor allem älterer Menschen und derer, die sich um sie kümmern, sie pflegen, und ich sehe die Rückkehr zur „Normalität“ des Lebens einschließlich einer staatlichen Hilfe in Höhe von 9 Milliarden Euro für ein Unternehmen, das an der Börse einen Wert von weniger als der Hälfte dieses Betrages hat.

Die Welt aber ist noch viel, viel zerrissener als es dieses Hunderttausendstel an Beispielen auch nur anzudeuten vermag.

Und diese Zerrissenheit, reißt halt auch an mir.

Und deshalb wünsche ich mir eine Insel. Ich habe das Gefühl, ihrer immer öfter zu bedürfen …

*

Ich habe heute Zeilen eines 17jährigen Mädchens gelesen. Ganz großartige Zeilen. Zeilen, die etwas auf den Punkt gebracht haben. In einer Weise, wie ich es bislang nur sehr, sehr selten real erlebt habe. So richtig, wie aus meiner Sicht die Haltung und Einstellung dieses Mädchens ist, so mutig ist sie heutzutage (leider) immer noch. Die allermeisten Menschen, die sind, wie auch ich, WEIß, verstehen und leben diese Haltung und vor allem das Eingeständnis, welches das Mädchen benannt hat nämlich bislang nicht oder doch allenfalls unzureichend.

Wer wissen will, was gemeint ist, der möge: HIER lesen.

Das Mädchen mit seinen Zeilen ist mir heute ein bisschen Insel geworden, hat mir Halt geschenkt.

Dankeschön dafür!

***

toksi – „Unendlichkeit“

9 Gedanken zu “Tagebuchseite -879-

  1. Mein Lieber, ich fühle mich geehrt, dass meine Worte dich so berührt haben. Ich wünsche dir ganz viele Inseln, die dir Halg geben!🌿

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  2. Lieber Sternflüsterer, und wieder einmal kann ich nur schreiben: Ich kenne das selbst alles nur zu gut und kann deine Gedanken nur zu gut nachvollziehen.

    Solche Inseln, solche Menschen, die bei all der täglichen Reizüberflutung für einen da sind und einem Halt geben sind, wirklich Gold wert. Und ich kann gut nachvollziehen, dass da ein Wunsch nach mehr Nähe ist. Das geht mir ähnlich, ich kenne dieses Gefühl des Fehlens auch sehr gut. Aber weißt du, es gibt da einfach keinen Grund, sich dessen zu schämen oder sich unbescheiden zu fühlen, das sind eben deine Empfindungen in dem Moment und die sind völlig ok so wie sie sind.

    Ich frage mich übrigens, ob es auch möglich ist, diese Insel auch für sich selbst zu sein, also, sie in sich selbst zu finden? (Da wären wir direkt wieder beim Thema Abgrenzung gegenüber den äußeren Einflüssen 😉 Und zwar so, dass einem die Welt draußen nicht egal ist, aber man trotzdem einen gewissen inneren Frieden, einen inneren Halt hat. Ein ganz kleines bisschen habe ich ab und an dieses Gefühl, wenn ich länger in der Natur unterwegs bin. Im Alltag, wo permanent das Weltgeschehen ungefiltert auf einen einstürmt, ist das allerdings sehr viel schwieriger.

    Ich wünsche dir Inseln im Außen – und dass du vielleicht auch die eine oder andere Insel im Inneren findest.

    Ganz liebe Grüße an dich! 🙂

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    • Dankeschön, vor allem für das, was Du zum Thema Schämen geschrieben hast. Es ist für mich sehr schwer zu akzeptieren, aber ich weiß, dass Du im Grunde recht hast.

      Insel für sich selbst sein … Du schreibst es so, wie es bei mir auch ist: „Ein ganz kleines bisschen habe ich ab und an dieses Gefühl …“

      Du verstehst sehr, sehr gut. Das ist berührend!

      Danke dafür, dafür, dass Du wieder hier warst und für Deinen lieben Wunsch.

      Dir ebenso liebe Grüße von mir, liebe Christiana! 🙂🌻

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  3. Ich sehe da wirklich keinen Grund für Deine Scham, diese Inseln in Reichweite haben zu wollen. Als Ort der (innenren) Zuflucht, wenn die Welt auf Dich einzuprasseln droht. Im Gegenteil, ich wünsche Dir, daß diese Haltgeber so oft wie möglich nicht nur virtuell da sind, wenn Du ihrer bedarfst.

    Gefällt 1 Person

  4. Ich muss an mein aktuelles Lieblings-Bilderbuch denken: „Ich bin eine Insel“ – Janssen
    Eine Insel, die eine Familie auf offenem Meer ein ganzes Jahr über beschützt.
    Dieses süße, wunderschön gezeichnete Bilderbuch sagt alles über das Wort Insel aus…. das was man sehen kann und das was man nur spürt…

    Licht und Liebe❤🌟
    Deine Sophie

    Gefällt 1 Person

    • Ganz lieben Dank, Sophie. Ich habe mich unglaublich gefreut, dass Du mich hier einmal wieder besucht hast.

      Bei Dir lese ich nach wie vor jeden Deiner Einträge, auch, wenn ich mich schon (viel zu) lange nicht mehr „sichtbar“ gemacht habe auf Deiner Seite. Aber Du warst und bist nie vergessen. Auch dann nicht, wenn ich mir selbst mal wieder sehr im Wege bin.

      Ganz herzliche und liebe Grüße an Dich! 💗🌻

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