Tagebuchseite -877-

Zwei Musen auf der Rathaustreppe

Die letzte Zeit verläuft so seltsam. Es ist, als lebe ich aus dem Off. Man kann mich hören, man kann manchmal meine Umrisse wahrnehmen. Mitunter spreche ich zu Menschen. Aber keiner ist richtig, ist wirklich, bei mir. Und ich bin nicht wirklich da.

Begegnungen werden anberaumt, entstehen, finden statt, zwischen Nirvana und Realität.

Wochentäglich in der Sphäre klarer bis verzerrter Töne und zusammenbrechender und wieder auferstehender und bisweilen gar stabil seiender Bilder des Onlineunterrichts, den ich ungeachtet fortgesetzter Krankschreibung seit 14 Tagen „meiner Fünften“  in Deutsch und Mathematik gebe.

Gelegentlich, und vielmehr ausschließlich fühlbar, wenn ich in die Romanwelt eines Buches eintauche, was ich nach wie vor hin und wieder schaffe.

Letztlich recht selten auch mal per Telefon. Einige dieser Begegnungen gehören zu den schönsten dieser Zeit. Wie die gestern mit meinem Vater. Nun ist es fix, dass wir uns am Pfingstsonntag nach vielen Wochen endlich wieder einmal „livehaftig“ sehen werden. Ich bin voller Vorfreude, und er ist es auch. Es war die größte Freude der Woche. Am Vatertag, von dem ich ansonsten zum ersten Mal so ganz und gar nichts bemerkt habe.

Daheim ist irgendwie auch alles Off. Ich versuche, mich darin einzurichten und ab und zu ein Zeichen zu senden. Mit sehr mäßigem Erfolg. Und draußen trage ich Maske, auch dann, wenn ich keine vor Mund und Nase habe. Lächle weg, was in mir ist, wenigstens zum äußeren Schein. An den Reaktionen derer, die mein Äußeres sehen, erkenne ich, dass es funktioniert. Ich bin nicht sonderlich stolz drauf, dass ich das nunmehr hinbekomme. Zumal es eine dumme Lüge ist, dass Maskentragen weniger verletzlich macht. Zumindest soweit ich für mich selbst spreche.

Als ich am Montag vom Friseur komme, den unfreiwilligen Corona-Look endlich wieder los geworden seiend, schlendere ich irgendwelchen Gedanken nachhängend  an der Giebelseite des Rathauses vorbei, um alsdann den ausgedehnten Marktplatz Richtung Heimweg zu überqueren.

Da dringt mein Vorname in mein Off, zweistimmig gerufen. Es sind zwei klare helle Stimmen, die zweifelsfrei von der Rathaustreppe herkommen, und als ich mich dahin umwende, gewahre ich zwei Mädchen, die die Eigentümerinnen der Stimmen sind und die mir zuwinken. Und ich erkenne A. und M. an deren Namen ich mich freilich erst erinnern kann, als mir die beiden auf Nachfrage auf die Sprünge helfen.

Es wird ein schönes Gespräch, was wir nun für ein paar Minuten miteinander haben. Vor gut zweieinhalb Jahren waren die beiden Mädchen im Potenzialassessment, bei dem ich seinerzeit als Sozialarbeiter tätig war. Sie möchten wissen, wie es mir geht, was ich jetzt beruflich mache. Und ich erfahre, dass die beiden  gerade ihre letzte schriftliche Prüfung für den Erwerb der mittleren Reife absolviert haben. A. wirft ein, dass sie früher schon „ein bisschen speziell“ war. Sie möchte nun versuchen Ergotherapeutin zu werden. Und M. strahlt als sie sagt, dass sie es doch noch aufs Fachgymnasium geschafft hat.

Beiden ist anzumerken, wie gelöst sie sind.  Zwei Musen der Fröhlichkeit. Sie lachen viel und verraten mir, dass es unendlichen Spaß macht von der Rathaustreppe aus, Leute zu beobachten. Und manchmal sähe man halt jemanden, den man kennt und dann …  ja, manchmal traut „man“ sich dann halt.

Ich sage ihnen, dass ich es schön finde, dass sie sich getraut haben, dass ich erfahren durfte, welchen Weg sie zwischenzeitlich genommen haben, dass sie ein bisschen mit mir reden mochten und, dass ich ihnen wünsche, dass sich ihre Wünsche erfüllen und sie das nötige Glück dafür haben mögen. Sie meinen, dass man sich ja vielleicht mal wiedersähe, wünschen mir, dass ich gesund bleibe und winken mir zu.

Ich verabschiede mich, winke den beiden auch noch einmal zu und gehe weiter, und in mir ist Freude.

Immerhin waren die beiden Mädchen seinerzeit gerade einmal eine Woche im Assessment und danach habe ich sie höchstens noch zwei- oder dreimal  im Vorbeigehen an ihrer Schule gesehen. Und gerade sie sind es nun gewesen, die mir die allererste Begegnung seit Wochen geschenkt haben, die nichts mit einem Arztbesuch, einem Einkauf oder einem Besuch bei meinem Arbeitgeber zu tun hatte. Und die real gewesen ist und während der ich nicht bloß ein Umriss war und keine Maske tragen musste.

Ich schaue mich ein letztes Mal um und fotografiere mir mit meinen Augen ein Erinnerungsbild. Auch, wenn es nur virtuell ist, wird es bei mir, in mir bleiben.

Im Off, in und aus dem ich nun seit Montag wieder lebe.

***

Wieder einmal habe ich so ein Lied entdeckt, das zumindest in meinen Breiten nirgendwo gespielt wird, wo „gängige“ Sender am Senden sind. Dabei ist es ein sehr schönes, ausdrucksstarkes Lied, sowohl was seine Melodie, sein Arrangement, seinen Text und nicht zuletzt seinen Vortrag angeht.

Ich höre es gern  und mag es gern teilen:

Max Mutzke – „Schwerelos“

6 Gedanken zu “Tagebuchseite -877-

  1. Das klingt nach einer sehr schönen realen Begegnung – ich freue mich, dass sie dir den Tag verschönert hat. Und ich freue mich für dich, dass du deinen Vater nach so vielen Wochen endlich wieder sehen kannst 🙂

    Gefällt 2 Personen

    • Dankeschön, liebe Christiana: Mein Vater bedeutet mir unendlich viel, ich habe eine sehr tiefe innere Beziehung zu ihm, achte und liebe ihn sehr.

      Ich wünsche Dir zwei schöne, erholsame Wochenendtage und lasse Dir liebe Grüße hier! 🌻 Schlaf gut! 🌛😴

      Gefällt 1 Person

    • Das Wiedersehen fand erst am Pfingstsonntag statt. Es war dann aber ein bisschen ausgedehnter und sehr, sehr schön:

      Fast fünf Monate waren eine lange Zeit, und so bemerkte ich schon, dass eine solche Spanne im hohen Alter genügt, ein paar Dinge etwas schwieriger werden zu lassen. Aber mein Vater ist so großartig, damit ganz bewusst umzugehen und überdies zutiefst dankbat zu sein, für das, was und wie er nach wie vor leben darf. – Wir haben uns, wie stets, wunderbar, themenvilefältig und herzlich miteinander unterhalten.

      Er ist ein ganz außergwöhnlich SCHÖNER Mensch, mein allerbester Freund!

      Gefällt 1 Person

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