Tagebuchseite -847-

Momentaufnahme meiner Nachdenklichkeit (Zum Ende des Jahres)

Wie alljährlich um diese Zeit ist meine Nachdenklichkeit eine andere, eine umfassendere, eine stärkere, wohl, weil diese Zeit eine der wenigen ist im Jahreslauf, die ein wirklich tieferes „In- sich -Hinein hören“ ermöglicht und zulässt.

Was mir meine Nachdenklichkeit gerade sagt, ist, dass da Dinge sind, die mich irritieren und sehr zweifeln lassen.

Die Zahl der Kreuzfahrtreisen und der Urlaubsflüge der Deutschen hat erneut zugenommen und wird weiter zunehmen. Eine repräsentative Studie, über die jüngst berichtet wurde, hat das ergeben. Entgegen aller Absichtserklärungen, die zahlreicher, „Mut machender“, durch die Medien gingen, dass man „nun verstanden“ habe, dass „jeder im Kleinen etwas beitragen könne“. Wohl von nicht wenigen derjenigen geäußert, die sich zugleich über die „Ergebnisse“ der Klimakonferenz in Madrid so enttäuscht zeigten.

Was ist das? Wer sind wir? Machen wir uns so sehr etwas vor? Sind wir tatsächlich so doppelzüngig, so heuchlerisch, dass wir uns so überzeugt lächelnd in die Taschen lügen?

Wenn ich diese Frage mit „Ja“ beantworte, gelte ich als unverbesserlicher Pessimist. Beantworte ich sie mir „Nein“ bin ich dabei, mich selbst nicht mehr ernst nehmen zu können.

Es gibt so viele derartige Fragen, und es werden immer mehr. Und deshalb werde ich immer unsicherer, zweifele immer mehr.

Was mir meine Nachdenklichkeit gerade sagt, ist, dass Sehnsüchte in mir sind, von denen mein Bewusstsein immer genauer weiß, dass sie nicht mehr erfüllbar sein werden. Darunter die, die es gar nicht geben müsste, geben dürfte.

Es sind dies jene Sehnsüchte, die ich spüre, wenn ich unter einigen jener Menschen bin, die mir natur-, familiengegeben die nächsten sind. Sie sind größer geworden mit den Jahren und sie tun weh. Meine Nachdenklichkeit wägt die Stärke dieses Schmerzes gegen den vermeintlichen ab, der mit dem Verlust dieser Menschen einher ginge. Dieses Abwägen aber, wenn es beginnt, reißt mir das Herz aus. Ich habe mich „entschieden“ also den ersten Schmerz weiter zu ertragen, mit ihm zu leben (leben zu müssen).

Was mir meine Nachdenklichkeit gerade sagt, ist, dass ich mehr liebe, denn je. Und, dass diese Liebe große Freude ist, aber auch Sorge. Freude über das unglaubliche Geschenk, das sie ist und das mich Menschen nahe gebracht hat, die unbeschreiblich kostbar sind. Sorge darum, dass es darunter Menschen gibt, deren Lebenszeit sehr endlich geworden ist. – Je zweifelnder, je unsicherer ich werde, desto mehr geben und sind diese Menschen mir Sinn, meinen Sinn zu leben.

Was mir meine Nachdenklichkeit gerade sagt, ist, dass ich viel innere Kraft verbrauche und, dass das im kommenden Jahr nicht anders werden wird. Schon gar nicht an seinem Beginn, der ein schwerer sein wird. Ich verbrauche so viel innere Kraft, dass manchmal nur noch ganz, ganz wenig übrig ist. Es gibt Gründe dafür, die ich nicht (mehr) zu beeinflussen vermag. Dazu müsste ich noch einmal ganz gesund werden. Aber das werde ich nicht mehr. Mit diesem Wissen habe ich zu leben gelernt. Aber dieser Lernprozess endet nicht, endet wohl nie. Dass das so ist, birgt freilich auch Gefahren in sich …

Was mir meine Nachdenklichkeit gerade sagt, ist, dass ich nach wie vor Dankbarkeit besser lernen, und, wenn ich „innere Abschiede“ nehme, Kompensationen finden muss, die nicht so sehr in Traurigkeit münden. Denn Traurigkeit nährt jenen Dämon, der mit den Jahren leider ein unlösbarer Teil von mir geworden ist, den Dämon der Depression und der Ängste. Und Traurigkeit gebären der Alltag, die „Realität“, nach wie vor allzu viel für mich.

Was meine Nachdenklichkeit mir gerade sagt, ist, dass ich Licht zu sehen, zu hören und zu fühlen vermag, auch dann, wenn es ganz klein, ganz sacht, ist. Dass ich offen für die größeren, vor allem aber für diese kleinen Lichter bleiben muss, weil sie das zweitwichtigste sind, dafür, dass ich meinen Sinn behalte und weil sie Quelle sind für Liebe, für ihr Empfinden und ihr Geben.

Was meine Nachdenklichkeit mir gerade sagt, ist, dass ich unverändert nicht in der Dimension von Jahresrückblicken und dem Fassen von Vorsätzen für das neue Jahr lebe. Deshalb ist, was hier geschrieben steht, nicht das eine, und es folgen auch keine Worte, die das andere sein könnten.

Was hier geschrieben steht, ist eine Aufnahme dieses Moments im Fluss meiner Nachdenklichkeit, die eben ein Fluss ist so wie die Zeit, und mein Leben eine kleine, kurze Episode darin. Dass ich es jetzt schrieb, doch gerade am Ende eines Jahres, findet seine Begründung einzig und allein in jenem Satz, mit dem ich diesen Text eingeleitet habe.

**

Ich möchte an dieser Stelle allen meinen Leserinnen und Lesern einen schönen, friedlichen und freudvollen Jahreswechsel wünschen, sowie Gesundheit, Glück und Frieden für das bevorstehende Jahr. –

Denjenigen, die mich hier tatsächlich begleiten, die mir ihre Gedanken hierlassen, mit denen ich mich auf so bereichernde und schöne Weise austauschen darf, wie das immer wieder geschieht, sage ich von Herzen Dankeschön, für ihre Geduld mit mir, ihr „da sein“, die Inspiration und Zuversicht, die sie mir immer wieder geben ebenso wie ihr Verständnis und ihren Trost. –

In besonderem Maße gilt das noch einmal für jene, die ich mittlerweile virtuell oder sogar real als Freunde weiß und sehe, aber das wissen diejenigen, so denke ich, längst.

***

Zum Abschluss des Jahres teile ich hier ein Lied, dass kein neues (mehr) ist. Der und die eine oder andere werden es mehr oder weniger gut kennen oder auch nicht. Es ist ein wunderschönes Lied, das ein Empfinden von Liebe beschreibt, das ich sehr gut nachempfinden kann, das dem meinen sehr ähnlich ist:

Michael Bolton – „Said I loved you … but I lied“

 

6 Gedanken zu “Tagebuchseite -847-

  1. Liebes Du,

    zu Deinen ersten Gedanken: Nein, es ist nicht falsch, eine Meinung dazu zu beziehen, dass Menschen sich in ihren Komfortzonen bewegen. „Ich tue doch schon genug, da kann ich mir doch auch einmal etwas Luxus erlauben“. Es sind die klassischen Mechanismen, die uns vom Homo Oeconomus entscheiden: Manche wissen es nicht besser, manche wollen es nicht einsehen und manche wollen eben einfach vor allem ihren Lebensstil nicht aufgeben. Das wird sich niemals ändern. Dem Deutschen seine Bratwurst wegnehmen, NÄÄÄ. Das ist nicht diskutabel. Da können wir nur zuschauen. Einen Teil davon werde ich auch noch erleben. Ich bin gespannt. Aber: Jeder soll auch weiterhin das tun, was er eben kann. Nur die Ignoranz, gegen die müssste etwas getan werden, aber die Menschen… Dieser Reflektionsprozess fehlt einigen. Ich gebe offen zu, nicht einhundertprozentig etwas füür die Umwelt zu tun, aber ich tu mein Bestes und lasse mich auch gerne belehren. Aber das ist nichts für den Durchschnittsdeutschen.

    Restliches: Was ist der Mensch unvernünftig, dass er sich zu Zeiten um alles Gedanken macht, nur um das nicht, was tatsächlich passiert. Ich kann Deine Trauer, Deinen Wehmut, Deinen Schmerz verstehen. Nichtsdestotrotz (und ich weiß, wie schwer das ist), wäre es da nicht umso schöner – wichtiger – sich nicht mit der Zukunft zu befassen und eben nun zu lieben? Es wird vorbei gehen, das ist das Leben, daran wird sich nichts ändern. Aber warum jetzt schon all das fürchten, was noch passieren wird? Das tun wir Menschen immer. Und dann passieren die Dinge, mit denen wir nicht gerechnet haben und waren zweimal traurig, anstatt einmal glücklich. Aber ich schreibe das nur so dahin. Das Leben ist nicht so. Unsere Köpfe, die wollen immer etwas zu tun haben. Immer etwas zu fragen haben. Es ist so schwer, einfach nur den Tag zu genießen, einfach nur zu sein.

    Dennoch wünsche ich Dir einen guten Rutsch ins neue Jahr. Vorsätze sind Schwachsinn. Das, was man tun möchte, das wird man zu jedem Zeitpunkt tun. Dafür brauchen die Zahlen sich nicht zu verändern. Also: Verändere auch Du Dich nicht, grübel nicht zu sehr und komm gut hin!

    Liebe Grüße
    Sheshebens

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    • Du hast ja in allem recht, was Du schreibst, liebe Sheshebens -.

      Ich meinerseits habe freilich ganz ehrlich aus meinem Empfinden heraus geschrieben. Es IST so. –

      Dabei geht es mir wie Dir – ich halte mich nicht für unfehlbar, weiß, dass ich selbst nicht perfekt bin. Allerdings versuche ich tatsächlich, nicht zu heucheln und bin bereit mich weiter einzuschränken (auch, wenn ich bereits jetzt wahrlich nicht auf „großem Fuße“ lebe).

      Die Zukunft beschäftigt mich immer wieder. Vielliecht (oder sicher) dadiurch katalysiert, dass ich einen Sohn habe, dass ich mich um ihn und seine Nachkommen sorge, um jene Kinder, die mir in der Schule anvertraut siund und so weiter.

      All das, was ich schrieb, gehört zu meinem Sein, das ich mag und auch nicht, denn es ist schon sehr quälend bisweilen.

      Aber immerhin gibt es da auch die anderen Momente, die kleinen Lichter, von denen ich schrieb, die mich das ICH sein lassen, das mir selbst gut tut.

      Dich zu lesen, mit Dir zu schreiben, ist immer so ein (gar nicht so kleines) Licht! – Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

      Komm auch Du gut ins Jahr 2020 – es soll ein schönes, glückliches, freidliches und gesundes für Dich werden. Das wünsche ich mir von Herzen für Dich!

      Auch Dir liebe Grüße! 💚✨✨

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  2. Solche Gedanken zum letzen Tag im Jahr…. Nun ja, auch wenn ich mir ebenso und schon immer Gedanken um das Große Nehmen aus und von der Natur und das große Verdrecken derer mache, umerziehen können wir die Menschheit nicht. Die Menschen sind die schlimmeren Tiere trotz ihrer angeblich besseren Logik. Ich bin ein Naturmensch und doch bediene ich mich der modernen Technik. Der Unterschie ist, ich bin oft wie viele von uns aufgrund unserer Arbeitszeiten und Wege die man nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen kann. Ich fahre nicht nur zur Traffique damit ich nicht laufen muss. Zudem mag ich den plötzlichen Hype zur Umwelt nicht. Die Steuern zu erhöhen, Tempolimits einzuführen oder den Friday vor Future ist sinnlos und ruft keinen Menschen zu Raison. Umwelt beginnt zu Hause und muss von der Industrie, Wirtschaft und Politik geschaffen werden. Also müssen Alternativen her. Und teilweise haben wir sie. Zuhause haben wir Mülltrennung, wir trennen Altglas und vermeiden so gut es geht Ressourcen zu verschwenden. Und dann gehe ich einkaufen und sehe im Zentrum Verpackungen vom letzten Mittagsmahl, Getränkeflaschen, Dosen und Müll Allerlei herumliegen und denke mir, wie kann man so rücksichtlos sein. Ein zusätzlicher Protest zur gesponserten Greta die im Namen der Politik und Lobbyisten die Bürger mehr zu Kasse bittet. Aber ja offensichtlich. Mit unter neben dem Egoismus. Also denke ich was ich tun kann um so wenig wie möglich zu verschwenden. Alles andere macht mich wütend.
    Heute denke, hoffe und versuche mich und meine Familie wie eine Matriarchin ins neue Jahr zu führen.
    Ich wünsche dir und deiner Familie und allen die hier lesen ein wundervolles, liebevolles und friedvolles Neues Jahr. Neues Jahr, Neues Glück….packen wir es an.

    Liebe herzliche Neujahrsgrüsse
    Emilia

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    • Mich holen deartige Gedanken immer wieder ein, Emila. Ich kann mich dagegen einfach nicht wehren. Es mag daran liegen, dass nahezu jeder Tag Nachrichten bringt, die für mich immer sehr zur Sorge Anlass sind (ich brauche nur an die denken, die in den ersten zwei, drei Tagen des neuen Jahres in den Medien die bestimmenden waren).

      Ich halte mich nicht für einen besseren Menschen, und ich sehe auch Entwicklungen, die Anlass zu Hoffnung sind. Ich versuche, mich an ihnen zu orientieren und sie, mit meinen bescheidenen und längst nicht vollkommenen Mitteln (auch ich begehe immer noch viele Versäumnisse) zu unterstützern.

      Aber einen Grundoptimismus vermag ich nicht mehr zu entwickeln. Das fühlt sich für mich wie Selbstbetrug, wie Verdrängen von Dingen an, die offensichtlich sind. – Die domnierenden Entwicklungen, das domionierende Verhalten ist nach wie vor und bisweilen sogar stärker werdend, ein anderes, als dass ich für grundsätzliche Zuversicht wirklich Nahrung finden könnte.

      Vielleicht (Sicher?) hat das auch mit meinen psychischen Besonderheiten (ich leide an Depressivität) zu tun .

      Mit mir ist es ziemlich schwer auszuhalten, ich weiß …

      Danke, dass Du mich dennoch liest und immer wieder schreibst zu mkeinen Gedanken. Danke auch noch einmal für Deine vielen lieben Wünsche!

      Herzliche, liebe Grüßé an Dich! ✨🌺

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  3. Ich denke, Du tust gut daran, keine Vorsätze zu fassen. Denn das Leben findet in der Regel zwischen Dir und den Vorsätzen statt, das macht es vielleicht gerade auch aus.
    Deine einleitenden Gedanken passen gerade zum heutigen Tag. Wenn in wenigen Stunden wieder Geld verballert wird, das anderswo helfen könnte. Wenn weniger Böllerei einen einfach zu vollziehenden Schritt der Einschränkung darstellen würde, Der weniger schwer fallen sollte als im Alltag das ganze Jahr hindurch. Aber bring‘ mal die Menschheit dazu…

    Bewahre Dir Deine Wahrnehmung all der kleinen Lichter, die gebündelt ein gefühlt größeres sein können!

    Ich wünsche Dir und Deinen Lieben ein gesegnetes und gesundes neues Jahr!
    Herzliche Grüße!

    Gefällt 1 Person

    • Vielen herzlichen Dank! – Ich hoffe, dass auch Du gut im neuen Jahr angekommen bist und Deine Familie mit Dir. Und ich wünsche Dir/Euch, dass es ein schönes und glückliches Jahr werden möge.

      Ich versuche sehr bewusst, mir die Wahrnehmung aller kleinen Lichter zu bewahren. Täte ich das niczht, sähe es manches mal buchstäblich sehr, sehr düster für mich aus.

      Vielen Dank für Deine so fortwährende sensible und unterstützende Begleitung hier – ein solches Dankeschön ist schon lange einmal „fällig“ gewesen.

      Viele liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

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