Tagebuchseite -846-

Monolog an meine Seele

Du bist zu klein, zu verletzlich, als dass die Zeilen in Dir bleiben könnten, die Du mich bittest zu schreiben, so sehr von Herzen. So sehr, dass ich sogleich nach Worten zu suchen beginne, in dem Augenblick in dem die Musik erklingt.

Eine Musik, die alles von Dir erfasst, Dich zum Beben bringt.

Du erzitterst im Fühlen jeder Schwingung ihres Klanges und im Spüren der Schönheit der Stimme, die das Lied zu ihr singt. Du wirst Haut, ganz Gänsehaut, binnen Sekunden und verschmilzt mit Melodie und Stimme und bist bald selbst der Text des Liedes.

Ich sitze vor meinem Blatt Papier, während Du zu Musik und Lied und Stimme wirst und möchte die Zeilen schreiben, die Du Dir so sehr von mir gewünscht hast. Aber die Buchstaben, aus denen ich sie zusammensetzen will, müssten zu Noten werden, damit ich Deiner Bitte tatsächlich entsprechen könnte. Sie müssten zu Noten werden und sich wiegen und tanzen im Takt der Melodie, schwingen zum Klang der Stimme die Du bist und zugleich ein Bild von Dir malen, die Du doch nie optisch sichtbar bist.

Genauso müsste ich während und zu dieser Musik schreiben können, um Dich abzubilden, so wie Du bist in diesem Augenblick – ganz Gefühl, ganz Emotion, gerührt zu Tränen, die durch ein strahlendes Gesicht rinnen, das so sehr Sanftheit ist wie ein Morgentraum von der reinsten Liebe.

So sehr ich es will, ich spüre, Dir nicht genug sein zu können. Ich bin so klein, so verletzlich wie Du und kann es ebenso wenig zeigen wie Du, weil ich Furcht davor habe, dass ich dann so bloß dastehe, dass alles, was dann geschehen könnte, nur noch weh tut.

Nahezu immer ist es so. Dass die Worte nicht angemessen sind, die Stimme zu dünn bleibt, die Bewegung verzagt. Obwohl doch alles Spüren, Fühlen, Empfinden, Emotion ist. So stark, so unmittelbar, so unerschütterlich.

So ist es, wenn manche Musik erklingt, wenn ich ein Leid sehe, wenn ein Vöglein zu mir aufschaut, wenn ich in der Geschichte eines Buches lebe, dort oder in der Wirklichkeit bestimmten Menschen begegne, wenn die Natur so groß, so warm, so freundlich oder so gewaltig wird, wenn mich ein Lächeln streift oder der Hauch des Todes. Wenn ein lieblicher Geschmack meine Zunge berührt, wenn ein Bild mich ins sich aufnimmt, wenn Wind mich streichelt, wenn ich ein Kinderweinen erlebe, eine einsame alte Frau sehe, den Nachrichten zuhöre, wenn ein Mensch wirklich für mich da ist.

Was ich auch durch Dich sehe oder höre, was ich durch Dich wahrnehme, ist immer vollkommen schön oder ganz bedrohlich, ist einzigartig wundervoll oder unendlich traurig. Es gibt kein dazwischen, nie, kein Mittelmaß, keine „Angemessenheit“.

Und ich sehe, höre, spüre, ALLES durch Dich!

NUR durch Dich!

Und müsste also stets unangemessene Worte schreiben, um das, was Du bist, was Dich ausmacht, so in Zeilen fließen zu lassen, dass es echt wäre. Echt, so wie Du. In Deiner Art.

Schließlich so klein und zu verletzlich. Für das Meiste und die Meisten auf dieser Welt.

***

Dieses Lied sagt viel … :

Gabrielle Aplin & JP Cooper – „Losing me“

14 Gedanken zu “Tagebuchseite -846-

  1. eine wunderschöne Hommage an deine Seele. Deine Seele ist ein Lied –
    Du inspirierst deine Leser sich selbst als ein Lied zu sehen und die eigene Fragilität und Stärke zu fühlen.
    Danke dafür
    Dir einen schönen neuen Tag

    Émilia

    Gefällt 2 Personen

    • „Deine Seele ist ein Lied“ – so etwas habe ich noch nie über meine Seele gehört oder gelesen. Und, ganz ehrlich, ich habe selbst noch nie so gesehen. –

      Ich bin sehr berührt von dieser Metapher und ebenso davon, dass Du in meinen zeilen sogar Inspiration für Dich und andere Menschen spürst, die eigene Seele so zu betrachten.

      Ein besonderes, ein liebes Dankeschön für Deine Worte, Deine Gedanken hier.

      Ich schicke Dir Wärme und meine schönsten Grüße! 💚✨

      Gefällt 1 Person

  2. In einem muss ich dir widersprechen: du bist nicht nur genug und wunderschön genauso wie deine liebevolle Seele, DU bist deine Seele!! Mit jeder Faser deines Körpers. Mit jedem Wort. Mit jeder Träne. Mit jedem Lachen. DU bist das Wunderwerk deiner Selbst. 💛

    Gefällt 1 Person

    • Apbrgftdljhurjfjh …. ja, Du Liebe, so einen „Sprachausfall“ hatte ich jetzt gerade für ein par Minuten.

      Was hast Du mir da geschrieben? Ich habe tatsächlich gar keine Worte, das ist so viel, zu viel – niemals bin ich ein Wunderwerk …

      Und Du schickst mir sogar noch ein Herz dazu!!!

      Und offensichtlich nimmst Du Dir tatsächlich Zeit, in meinem Blog immer weiter zurück zu blättern.

      Das macht mich schon wieder sprachlos …

      Dankeschön, Du Unglaubliche – in DIR steckt ganz viel schöne Seele!

      Ganz, ganz liebe Grüße an Dich! 💚🌹

      Gefällt 1 Person

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