Tagebuchseite -769-

Von einer der ganz besonderen Umarmungen

Ich werde sehr selten umarmt. Ich meine, WIRKLICH umarmt. –

Nicht alle Menschen mögen Umarmungen. „Zu viel Nähe“, sagen einige, und manche haben dafür ihre guten Gründe. Und wenn ich in mich hinein höre, dann spricht es auch zu mir, dass mir nicht jede Umarmung von Jedem oder Jeder gefallen würde.

Aber Umarmungen aus aufrichtiger Zuneigung, aus spontaner Dankbarkeit, aus einem erwachsenden oder schon tiefen freundschaftlichen Empfinden heraus, eine Umarmung aus dem Bedürfnis heraus, ein bisschen Schutz und Anlehnung, Trost, einen Halt zu finden, die bedeuten etwas für mich. – Dabei muss es nicht immer oder erst oder gar eine Umarmung sein. Auch ein entsprechender Blick oder eine weniger aufwändige Geste, ein Lächeln, ein Nicken, sind mir wertvoll, wichtig, beachtenswert.

Umarmungen aber, zumal solche , wie die genannten, bleiben doch etwas Besonderes. Und weil sie in meinem Leben so selten sind, kann und mag ich mich an die ganz besonderen gern und gut erinnern.

Heute habe ich so eine Umarmung bekommen. So eine ganz besondere. Genau genommen waren es gleich zwei. Sie sind erst wenige Stunden her.

Wir hatten gemeinsam geübt, die kleine Leonie und ich. – Sie wohnt mit ihren Eltern und ihrem kleinen Halbbruder in der Wohnung über uns und ist erst vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen. Sie ist ein fleißiges, freundliches und sehr lebhaftes und aufgewecktes Mädchen, das in die fünfte Klasse geht. Und hat wohl eine furchtbar laute und strenge Deutschlehrerin, so sagt es auch ihre Mutti. In allen Fächern steht Leonie auf 1 oder 2, nur in Deutsch fast auf 4.

Ihr Traum ist es ans Gymnasium zu gehen und danach Schauspielerin zu werden. Talent hat sie ohne Zweifel, ich könnte schon manche „dramatische“ Geschichte erzählen, auch eine, in der ich sie begleitet, ihr geholfen und sie getröstet habe. Das hat sie mir offenkundig nie vergessen.

Nun haben wir also Deutsch geübt. Zum zweiten Mal, oben in ihrem Zimmer. Substantive mit den dazugehörigen Artikeln und Satzkonstruktionen mit Subjekt, Prädikat und verschiedenen Objektformen. In unterschiedlichen Zeitformen und mit Wörtern, die Leonie schon oft falsch geschrieben hat. Und wir haben zusammen gedichtet, drei Strophen, ein ganz eigenes Weihnachtsgedicht. Sich ein Weihnachtsgedicht auszudenken und es so gut zu lernen, dass sie es vortragen kann, war Leonies Hausaufgabe in Deutsch für die nächste Woche.

Das alles haben wir in nur einer Stunde geschafft. Leonie hatte ganz viele Substantivendungen gelernt, die ich ihr beim ersten Mal Üben aufgeschrieben hatte, und fand nun zu allen Substantiven, die ich ihr diktierte, die richtigen Artikel. Und auch mit den Satzgliedern hatte sie sich beschäftigt und machte nur ganz wenige Fehler beim Schreiben und Bestimmen der verschiedenen Formen. Und für das Gedicht hatte sie eine wunderbare Idee und suchte ganz eifrig mit nach treffenden Reimen.

Ich konnte sie oft loben, und wenn sie etwa ein besonders schwieriges Wort richtig geschrieben oder eine komplizierte Konstruktion richtig erfragt hatte, dann gaben wir uns „Fünf“ in die Hand.

Die 60 Minuten vergingen ganz rasch. – Kurz bevor ich mich zum Gehen von meinem Stuhl erheben wollte, sagte sie: „Das war schön, und ich möchte mich bei ihnen bedanken.“ Und reichte mir mit strahlenenden Augen und einem Lächeln einen kleinen Schokoladenweihnachtsmann und umarmte mich ganz fest. – Und dann draußen, im Flur ihrer Wohnung als ich mit ihrer Mutti sprach und wir vereinbarten, wann ich nächste Woche wiederkommen werde, da umarmte sie mich noch einmal, so stark, so innig, dass nicht nur ich, sondern auch ihre Mutti ganz gerührt war. „Sie mag sie sehr“, hatte diese mir schon vor ein paar Wochen gesagt.

Nun sind wir „per Du“, Leonie und ich. – Sie weiß jetzt meinen Vornamen, und zwar nicht nur deshalb, weil es ihr so schwer fällt, sich meinen Nachnamen zu merken und auszusprechen, sondern weil wir Freunde geworden sind.

Denn nur eine Freundin kann eine so liebe, so aufrichtige, so herzliche und ehrliche Umarmung schenken. So eine, die ich nicht vergessen kann, an die ich mich immer erinnern werde. Eine, die in dieser Art selten und kostbar ist, die eines jener so schönen und wertvollen Indizien dafür ist, dass Leben manchmal so lebenswert ist.

Dankeschön, liebe Leonie!

*

Berührend wie eine Umarmung ist auch das Lied, das ich heute teilen möchte. Ich konnte, als ich es heute (!) fand und erstmals hörte, gar nicht fassen , dass es schon mehr als 20 Jahre „alt“ ist. Ein zeitloses Lied, weil es zeitlos schön ist. Das Video dazu übrigens auch …:

Cowboy Junkies – „Angel mine“

13 Gedanken zu “Tagebuchseite -769-

  1. Ach, so viel Herzensgüte strahlt diese kleine Leonie aus, dass ich mich gleich mit umarmt fühle! Es freut mich sooo sehr, diese schönen Zeilen von dir zu lesen! Einen besonderen Menschenen hast du da wohl getroffen! Und sie ebenso… Denn es ist nie verstänlich, wenn ein Erwachsener ein Kind derart ernst nimmt. Das ist wundervoll und spricht für dich! Und die kleine Leonie wird die Freundschaft zu dir immer in ihrem Herzen tragen … ich selbst erinnere mich noch ganz genau an die Erwachsenen, die mich immer wie gleichgestellt behandelt haben, die in mir eine Freundin sahen und kein Kind (bzw nicht nur ein Kind^^)
    Dann drück ich der kleinen die Daumen, dass die Deutschlehrerin ihr Herz erweichen lässt 😉
    Und dich, dich drück ich gleichj mit! 😉

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  2. was für eine süße Geschichte.
    scheint ein liebes Mädchen zu sein. sowas kräftigt einen und wärmt die Seele.

    gewisse „Berührungen“ bleiben iwie im Herzen. mein ehemaliger Kollege den ich wirklich sehr lieb hatte, wir aber dennoch eher distanziert waren, obwohl wir uns super verstanden umarmte mich zum abschied nach meiner Kündigung, das rührte mich damals so dass ich danach auch total losweinen musste. er verstarb letztes Jahr plötzlich, das tut mir heute noch weh, auch wenn ich ihn ein Jahr schon nicht mehr gesehen hatte.

    wünsche dir noch viele solcher lieben Umarmungen.

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    • Oh, das kann ich nachempfinden, dass Du da weinen musstest. Es gibt so Sachen, für andere oft unscheinbar, die hinterlassen etwas, ein Erkennen von etwas Schönem aus einem Spüren heraus.

      Wie lieb von Dir, glaub‘ mir, ich wünsche Dir auch ganz viele solche besonderen Umarmungen für Dich, gerade für Dich!

      Liebe Grüße!

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  3. Welch eine schöne Geschichte, die Du ebenso berührend erzählt hast. Und die zeigt, daß Du mit Deiner behutsamen Art offenbar kinderleicht Zugang zu Leonie gefunden hast. Deine Empathie ist Deine Stärke und welch schöneren Beleg konntest Du dafür erhalten als die Umarmungen?
    Herzliche Grüße!

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    • Fühlen macht mich größtenteils aus. So schön das sein kann, so schwer zu ertragen ist es auch oft. Manchmal fließr dieses Fühlen aus mir heraus, mitunter lasse ich es dann in Zeilen fließen. An guten Tagen fällt mir das nicht so schwer …

      Dankeschön auch hier für Dein freundliches und so wertschätzendes Feedback!

      Abermals liebe Grüße an Dich!

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