Tagebuchseite -678-

Eindrücke einer Tagesreise, Teebeutelkunst und eine Erkenntnis

Herbstfelder und -bäume reisen an mir vorbei während ich mich fortbewegen lasse. Da steht ein Ziel auf dem Ticket. Aber ich lasse mich nicht fahren um anzukommen.

Als ich aussteige, weiß ich noch nicht wohin ich gehen werde. Meine Füße tragen mich zu jenem Teich, der mitten in der Stadt liegt. Die Silhouette der Gebäudezeile auf der gegenüberliegenden Seite schreibt meine früheste Kindheit in den grauen Himmel. So oft ich schon dort war, auch immer wieder während der letzten Jahre, ich will wieder dorthin.

Jedes Mal mischen sich Vergangenheit und Gegenwart dort auf andere Weise.

Ich atme den Duft unvergleichlicher Salzbrötchen, dort wo längst kein Bäcker mehr ist. Statt dessen das Büro eines Bundestagsabgeordneten. Ich mag sein großes Foto, das am früheren Schaufenster prangt, nicht ansehen. Mir ist als hätte er mir meine Brötchen gestohlen.

Ich sehe die „5“ am Haus der ersten Wohnung, in der ich, neugeboren, Herberge und Familie fand. Ein paar Häuser weiter, dem Ort „meiner“ zweiten Wohnung, beobachte ich mich, in der Sandkiste sitzend, mit Förmchen Kuchen backen. Auf der Sandkiste und drumherum steht jetzt ein modernes Haus in dem niemand mehr wohnt.

So geht es weiter.

Ich sehe viel , sehr viel aus den längst vergangenen Kindertagen, und fühle ALLES von damals. Ich gehe durch die früheren Straßen und begegne dem einen oder anderen Menschen, der mir entgegenkommt, auf derselben Straße, demselben Weg. In diesem Moment und doch in einer Zeit, ganz weit weg von der, in der ich mich gerade befinde.

Als ich dann auf dem Hof meiner allerersten Schule stehe, verschwindet die aktuelle Realität für einen Moment vollends für mich. Ich habe das Bedürfnis die Schule zu betreten und all die alten Lehrer, meine Mitschüler von damals dort zu treffen, in mein Klassenzimmer mit der „17“ an der Tür einzutreten, mich in eine der Holzbankreihen zu setzen und zu bemerken, dass ich keine Ahnung habe, welches das Heft für die Matheübungen und das für die Klausuren ist und mit dem Wort „Fibel“ nichts anzufangen weiß.

Kleiner, damals blonder Junge, Klasse 1a, erster Schultag.

Irgendwann, etwas später, finde mich an einem befestigten Teil des Ufers jenes Sees wieder, der auch den Namen der Stadt, meiner Geburtsstadt, trägt. Ein Fischreiher landet buchstäblich vor meinen Füßen. Ein schlankes, majestätisches Tier. Eine Frau tritt voller Neugier immer näher und näher an ihn heran, bis er sich verängstigt wieder in die Lüfte erhebt. Sie hat ihn verjagt. – Aber mein Gespräch mit ihm, kann sie nicht unterbrechen.

Ich beschließe, dem Ufer des Sees noch ein ganzes Stück zu folgen. Dorthin wo es mir einen Blick auf seine ganze schöne Größe eröffnet, so weit! Bis dorthin, wo die Welt auf seiner gegenüberliegenden Seite zu Ende zu sein scheint. Leicht hügeliges bewaldetes Land geht dort in das dunkler werdende Grau des Himmels über. Der Herbst ist so gegenwärtig. Jeder Windstoß, der mich berührt, ist wie ein Ausatmen. Ich stelle mir vor, dass irgendwo dort oben der Reiher fliegt. Unsichtbar geworden in dem vielen Grau, das auch seine Farbe ist und ihn darob in sich aufgenommen hat. Aber doch da. Wie meine Freunde, meine kleine Familie, die gerade in München ist. So vermag ich auch in diesem Augenblick ein bisschen darauf zu vertrauen, dass ich nicht allein bin, obwohl ich mich gerade ziemlich einsam fühle.

Mein nächstes Gespräch führe ich mit einer Schar Stockenten.

Ich bin immer noch am See, direkt unterhalb des Schlosses, auf einer klitzekleinen Insel, die mit dem Garten, der rund um das Schloss herumführt, nur durch eine hölzerne Brücke verbunden ist. Ich schaue mich um und sehe den kleinen blonden Jungen froh lachend auf einem riesigen Findlingsstein stehen.

Ein sehr junges Pärchen betritt die Insel. Ich mache die Bank, auf der ich mit den Enten sprechend gesessen habe, frei. Denn die kleine Insel trägt, wenn ich mich recht erinnere, den Namen der beiden: Liebesinsel.

Als ich weitergehe, bemerke ich, dass der große Findlingsstein verschwunden ist …

Es wird Mittag und Nachmittag. Für den Schlossgarten habe ich mir noch etwas Zeit genommen und bin dann in das, was man gemeinhin mit „Stadt“ verbindet, untergetaucht. Der Not gehorchend und meinem Hunger. Froh, wenn auch ein wenig bekümmert feststellend, dass auch moderne Buchhandlungen, denn doch immer noch ein bisschen Oasen geblieben sind für mich. Meine schmerzenden Füße bemerke ich kaum noch während ich in diesem und jenem Buch, das ich zur Hand nehme, zwischen den Zeilen spazieren gehe.

Ich beschließe, mich dennoch noch nicht wieder heimfahren zu lassen. Nicht bevor ich noch einmal ganz in die Nähe meiner „ersten Wohnung“ zurückgekehrt bin, obwohl das noch einmal ein ganzes Stück Weges ist. Ich kann nicht anders. Ich muss, wie so oft, wenn ich in meiner Geburtsstadt bin, in das Cafe meiner Kindheit.

Heute spüre ich besonders, wie allein ich unter den dort weilenden, miteinander sprechenden Menschen bin. Allein mit meinem Stück Apfelkuchen, meinem Latte Macchiato und meinem kleinen Notizbuch. Ich bin gar nicht wirklich hier, spüre ich. So wie vor ein paar Stunden als mir Menschen aus und in einer ganz anderen Zeit auf den Straßen meiner frühen Kindheit begegnet sind.

An den Wänden des Cafes entdecke ich gerahmte Teebeutelkunst.

Eine Künstlerin oder ein Künstler hat gebrauchte Teebeutel so aufgerissen, und den überbrühten Inhalt daraus entfernt, dass jeweils ein Stück bräunliches „Papier“ entstanden ist. Jedes als solches schon ein raues Unikat, mal hier oder dort eingerissen, mal dort oder hier ein Stückchen fehlend. Alle in dem (erstaunlichen) Format nicht ganz von der Größe einer Seite aus einem Vokabelheft. An jedem der „Papiere“ befindet sich noch das Bändchen und das kleine Kärtchen, das im Mindesten verrät, welche Sorte Tee das Beutelchen einst umschlossen hat. Gegebenenfalls auch noch ein wenig mehr.

Schließlich zieren all die kleinen „Leinwände“ aber auch noch farbige Bilder. Mal mehr, mal weniger, den schon vorhandenen unterschiedlich bräunlichen Linien und Rändern folgend. In bunten Tönen ist da auf einer „Teeleinwand“ ein lustiger Zwerg zu sehen, auf einer anderen ein Seepferdchen, auf jeder der vielen ein anderes Bild, ein anderes Motiv. Mitunter auch nur ein formfreies Muster aus nur einer Farbe in mehreren Abstufungen, das zur eigenen Inspiration einlädt.

Ich bezahle meinen Kaffee und meinen Kuchen und gehe, langsam die Häusersilhouette meiner frühen Kindheit verlassend, noch einen Umweg an einer Kirche, einem kleinen Marktplatz vorbei und durch eine kleine Straße mit Kopfsteinpflaster hinunter zu dem Teich mitten in der Stadt an dem meine ziellose Wanderschaft am Vormittag begonnen hatte.

Einen Augenblick verweile ich hier noch, umrunde dann das Gewässer und lasse mich schließlich wieder heimfahren. Nun braucht es kein Ziel mehr, das auf dem Ticket steht.

Ich habe etwas gefunden, auf irgendeinem Buchdeckel oder in einer der Zeilen stehend, eines jener Bücher, die ich heute in der Hand hielt und flüchtig durchblätterte. Es war ein Satz, der ungefähr so lautete:

„Ich bin meine eigene Vergangenheit.“

Wie wahr das ist! Nie bin ich mehr oder weniger oder etwas anderes. In keinem Moment, auch keinem der Gegenwart. Denn auch die ist soeben schon wieder Vergangenheit …

Mir scheint, dass das vieles erklärt.

*

Sudha & Maneesh de Moor – „Tvameva“

 

8 Antworten zu “Tagebuchseite -678-

    • Dankeschön, liebe Mia. Es freut mich, dass Dir der Eintrag gefällt. Dein Kompliment dafür ist sehr lieb, wie Balsam für mich, heute Morgen.

      Ich hoffe, dass bei Dir nicht so ein schreckliches Wetter ist wie hier. Es toben Orkanböen, es wird nicht hell und Regen peitscht durch die Luft. Viele Bäume sind umgestürzt, Bahnstrecken unpassierbar … So begann es in der Nacht, und es ist wohl keine Aussicht auf Besserung heute.

      Von Herzen liebe Grüße an Dich!

      Gefällt 1 Person

    • Ich kann daran sehr schlecht denken, weil mir dieser Gedanke Angst macht, liebe Jana. Früher hätte ich gesagt, dass dieses Empfinden an meiner augenblicklich ziemlich miesen Verfassung liegt, inzwischen schwindet meine „Hoffnung“, dass das so ist.

      Ich bin Dir so dankbar, dass Du immer wieder herkommst.

      Nur allerbeste Wünsche und ganz, ganz liebe Grüße an Dich!

      Gefällt 1 Person

  1. Ich empfinde es als so wunderschön geschrieben, beschrieben.

    In meinen ersten Lebensjahren lebten wir in der Stadt, in welcher ich auch geboren wurde. Ja, das Dorfkind mit Herz ist ursprünglich ein Stadtkind. Ich verbinde es heute nicht mehr als „Heimat“, eigentlich verbinde ich mit diesem Ort nichts tiefsinniges. Ich habe dort einmal gewohnt und habe dort meine Realschulzeit erlebt. Und doch ist es merkwürdig, wenn ich diese Wohngegend besuche. Es ist selten, doch hatte ich vor gar nicht allzu langer Zeit das Bedürfnis P. zu zeigen, wo ich damals gelebt habe. Doch eigentlich habe ich ihm einen fremden Ort gezeigt. Ich habe die Dinge anders in Erinnerung und als ich meiner Mama davon erzählte, hat sie mir bestätigt, dass es früher anders war. Die Häuser haben nun eine ganz andere Farbe und der Spielplatz auf dem wir damals gespielt haben, der existiert schon fast gar nicht mehr. Die Verbindungsstraße zu unserem damals engsten Freund ist inzwischen nur noch ein Fußweg und das Wald- und Wiesenstück neben dem Spielplatz ist neuen Häusern gewichen. Auch war es damals das Viertel, in dem die Ärzte des naheliegenden Krankenhauses und die Leute vom BGS wohnten. Heute ist es eher „das Ghetto von XY“. Als ich damals in der Realschule erzählte, dass ich da mal gewohnt habe, wurde entsetzt gefragt: „Wie? Du hast im Ghetto gelebt?“. Ja, inzwischen ist alles ziemlich herunter gekommen, da kann auch das Sonnengelb an den Hauswänden nichts daran ändern. Auch von unseren damaligen Freunden lebt niemand mehr da. Man hat keinen Kontakt mehr. Schon Jahre nicht mehr. Durch Zufall war einer unserer damligen Freunde mit einem Mädchen aus meiner Realschulzeit zusammen. Es war merkwürdig ihn wiederzusehen. Erst gar nicht erkannt. Der damals kleine Junge ist ein erwachsener Mann geworden. Inzwischen wissen wir gar nicht mehr, ob er noch lebt. Er hatte einen schlimmen Unfall vor gut einem Jahr. Ich trau mich aber nicht zu fragen, was aus ihm wurde. Auch die Grundschule und der Kindergarten sehen ganz anders aus. So, als hätte es das alles „damals“ gar nicht gegeben.

    Ja, all die Erinnerungen an „damals“ hast du mit deinem Eintrag wieder auferleben lassen und ich danke dir dafür. Es war schön „damals“ und doch wird einem bewusst gemacht, dass nichts „für immer“ ist. Veränderungen und der Fortschritt sind mit das Normalste, was uns Tag für Tag begleitet. Und ja, es stimmt, wir sind unsere eigene Vergangenheit, wie aber auch schon richtig erwähnt wurde, sind wir auch unsere eigene Zukunft.

    Liebste Grüße!

    Gefällt 1 Person

    • Oh, da habe ich mit meinen Zeilen ja eine richtige Vergangenheitsreise bei Dir ausglöst. Ich bin froh, dass es offensichtlich keine unangenehme war und Du dankbar dafür ein konntest.

      Es war schön für mich, Deiner Reise durch Deinen kleinen Bericht hier folgen zu können.

      Ganz liebe Grüße auch an Dich! 🙂

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s