Tagebuchseite -634-

Über mein „Lightsatzproblem“ und die Crux von Leben in der Gegenwart

Vergangenem nicht nachhängen oder nachtrauern gar, und sich nicht in Visionen über die Zukunft verlieren. Vergangenes ist sowieso nicht mehr zu ändern, und was in der Zukunft sein wird, weiß eh‘ keiner wirklich. Wünschen und Träumen ist in Ordnung, weil aus Wünschen und Träumen Motivation erwächst. Das Wichtigste aber ist zu leben. Und Leben spielt sich nun mal in der Gegenwart ab, im Hier und Jetzt. So wie wir in der Gegenwart leben, so fühlen wir uns. Fühlen wir uns gut, vermögen wir freier zu träumen.

Gibt es jemanden, der diese Sätze nicht unterschreiben würde?

Diese Sätze sind sozusagen eine Kurz-Version von Leitsätzen, die ich fortwährend höre und lese, die mir selbst direkt auch immer wieder gesagt werden. Als „guter Rat“ sozusagen.

Ich habe allerdings schon mit dieser Kurzversion meine liebe Mühe und Not.

Ich glaube daran, ja, ich vertraue darauf, dass es möglich, dass es notwendig ist, aus Vergangenem Lehren und Schlüsse zu ziehen. Das tun zu können, setzt die Beschäftigung mit der Vergangenheit voraus. Das ist etwas anderes als Vergangenem nachzutrauern, ich weiß.- Was aber, wenn Gutem, Bewahrenswertem in der Gegenwart kein Raum (mehr) gewährt wird? – Ich werde darüber traurig, bin es darob oft.

Was aus der Vergangenheit gut und bewahrenswert ist, wird nicht von mir entschieden. Ganz grundsätzlich nicht. Vermutlich entscheidet es die „Eigendynamik“ der gesellschaftlichen Entwicklung. In allerlei Hinsicht kann ich mit den entsprechenden Entscheidungen leben. Oft aber auch nicht. Sogar gar nicht! Und dann trauere ich der Vergangenheit nach. Und finde das auch berechtigt. Was die Leitsatzredner ohne Zweifel als Fehler ansehen.

„Eigendynamik“ – ist übrigens für mich eines der heuchlerischsten und verlogensten Wörter überhaupt. Damit kann man nämlich nahezu alles „erklären“´, insbesondere, was gesellschaftliche Entwicklungen betrifft. Und man kann sich damit obendrein „neusprecheloquent“ darum drücken, andere, WIRKLICHE Erklärungen zu finden. Interessanterweise wird es vor allem in der neuesten Geschichte, der Zeit ab der sogenannten „Wende“, benutzt. Verwunderlich ist das freilich nicht. Für’s Wahlvolk und überhaupt braucht’s möglichst einfache Antworten auf die immer komplizierter und komplexer werdenden Fragen unseres Lebens, unserer Welt. Das hält die gute Laune hoch.

Und darum geht es doch. Um gute Laune! Durch so einfache Antworten wie „Wachstum“ und „Eigendynamik“. Gute Laune! In der Realität der Gegenwart! Im Hier und Jetzt! Dann geht es immer irgendwie weiter. Und, dass es „weitergeht“, das ist doch das Entscheidende. – Oder? –

Natürlich, falsche Frage …

Ich frage oft „falsch“. Das liegt daran, dass ich ziemlich generell schon falsch denke. (Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, jemals „richtig“ gedacht zu haben …)

Zum Beispiel denke ich oft , dass die Gegenwart doch eigentlich viel zu flüchtig ist, um ausschließlich in ihr LEBEN zu können. Mal abgesehen von den leitsatzmäßig zugestandenen kleinen Wünschen und Träumen.

Denn das, was in diesem Augenblick Gegenwart ist, ist im nächsten bereits Vergangenheit. Das „Hier und Jetzt“ ist, konsequent betrachtet, jeweils nur eine Momentaufnahme, ein Blitzlicht. Gerade geschossen und sogleich Geschichte. Gegenwart gibt es faktisch gar nicht, es gibt Vergangenheit und Zukunft, es gibt vor allem gelebtes Leben und zu lebendes Leben. Gegenwart ist ein bloßer Augenblick. Als solcher erlebbar, und wie intensiv bisweilen, aber letztlich doch immer zu flüchtig, um darin überwiegend oder gar ausschließlich leben zu können. Gegenwart erlaubt kein Verweilen. Was manchmal ja durchaus tröstlich ist.

Ich erkenne allerdings, dass eine solche Zeichnung von Gegenwart denn doch sehr, ja, zu verkürzt ist. Legitim und schlussendlich sinnvoll ist, Gegenwart als einen Zeitabschnitt zu definieren, nicht klar abgegrenzt, aber immerhin als Summe einer längeren Abfolge von Augenblicken verstanden, der Augenblicke einer Stunde, eines Tages, einer Woche, zum Beispiel. Auch so betrachtet ist Gegenwart erlebbar, vor allem aber passt dann LEBEN hinein.

Nichts anderes ist das, was wir unmittelbar spüren und empfinden. – Was mir die Gegenwart so schwer macht, und vor allem das Leben darin, ist höchstwahrscheinlich die Tatsache, dass sie so sehr als Summe der Abfolge von Augenblicken spürbar ist. Viel mehr noch als vor 30 oder 50 Jahren. Sie ist schnell, unstet, ist permanente Veränderung.

Mit unseren Medien und Kommunikationsmöglichkeiten haben wir sie immer schneller und unsteter gemacht und tun das weiter. Sie wirkt so auch immer schneller, unsteter auf uns ein, und dabei immer komplexer. Weil sie immer mehr wird, mehr umfasst.

Ist es angesichts dessen nicht sogar wichtig, der Vergangenheit nachzuhängen? Um länger, intensiver nachempfinden, fühlen, emotional begreifen und verstehen zu können? Oder sich in eine Zukunft zu träumen, die insbesondere deshalb so sehr Vision ist, weil sie nicht unter Berücksichtigung von Finanzierungsvorbehalten kaputtgedacht wird und vor allem die Unstetigkeit, die Rasanz und Komplexität dessen, was heute gegenwärtig ist, konterkariert und deshalb viel mehr Raum für LEBEN lässt?

„So, wie wir in der Gegenwart leben, so fühlen wir uns. Fühlen wir uns gut, vermögen wir freier zu träumen.“

Die Gegenwart ist für mich unstet, verunsichernd, fremd und überfordernd. So fühle ich mich also auch überwiegend. Und vermag deshalb nur noch sehr selten frei zu träumen.

Die „gute Laune“ erreicht mich nicht. Sie ist mir mit das Fremdeste der alltäglichen Gegenwart, so wie sie mir beispielsweise schon am Morgen beginnend aus dem Regionalradio entgegen schreit und gespielt aus der Chefetage meines Arbeitgebers entgegen gelächelt wird.

Mir reichen auch die einfachen Antworten nicht. Und „Lightsätze“ wie die eingangs aufgeschriebenen sind nichts anderes. Damit ist die Gegenwart nicht besser auszuhalten, geschweige denn besser oder auch nur „ruhiger“ darin zu leben.

Nicht für mich.

Ich brauche Besinnung (Vergangenheit) und Vision (Zukunft). Weil die Gegenwart, die ich erlebe, mit LEBEN nur wenig zu tun hat.

Womöglich sehe ich das aber nur so, weil ich mal wieder „falsch“ denke. Jedenfalls nicht so, wie die „Lightsatzverkünder“.

*
Pink Floyd – „Comfortably numb“

14 Gedanken zu “Tagebuchseite -634-

  1. Liebes Sternchen

    Auch ich kann mir nicht vorstellen auf meine Erinnerungen und Zukunftsvisionen zu verzichten, weil ich mich dann unvollständig fühlen würde.

    Solche Sätze mit „ein Leben nur in der Gegenwart führen“ dienen auch ausschliesslich nur den Menschen, die keine Visionen haben, sondern fast gelähmt sind vor Angst, was ihre Zukunft betrifft.
    Und ebenso nur denen, die eine so schlimme Vergangenheit haben, dass die Erinnerungen sie ebenfalls lähmen, und ihnen eine produktive Aktivität in der Gegenwart, also im Hier und Jetzt unmöglich machen.

    Menschen, die imstande sind mit ihrem „Leid“ aus der Vergangenheit und den Enttäuschungen, wenn sich Zukunftsvisionen nicht realisieren, umzugehen, es also verkraften traurig, unglücklich, einsam und enttäuscht zu sein, für die ist ein Leben alleinig in der Gegenwart ein „Life for idiots“……logisch.

    Zu unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich eben auch die Leitsätze, die ihnen helfen zu leben und vorallem zu überleben.

    Ganz liebe Grüsse aus Wien
    Doris

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    • Oh, ich habe sehr große Angst vor der Zukunft. (War gestern gerade Thema in meiner Therapie, die eine der schwierigsten und schlimmsten für mich wear, seitdem ich solche Sitzungen besuche) – Trotzdem habe ich Zukunftsvisionen. Womöglich habe ich sie, halte mich an ihnen fest, entwickele sie weiter, WEIL ich sio große Angst vor der Zukunft habe, wie sie mir sich aus der realen Gegenwart entwickelnd darstellt.

      „Menschen, die imstande sind mit ihrem „Leid“ aus der Vergangenheit und den Enttäuschungen, wenn sich Zukunftsvisionen nicht realisieren, umzugehen, es also verkraften traurig, unglücklich, einsam und enttäuscht zu sein, für die ist ein Leben alleinig in der Gegenwart ein „Life for idiots“……logisch.“

      Das sehe ich sehr ähnlich.

      Viele liebe Grüße zurück!

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  2. Ich finde, diese „Man sollte dies, das, jenes, tralalal“-Gelabere einfach lästig. In gewisser Weise eine Menschenverarsche, wenn ich es so salopp (dieses Wort wird irgendwie langsam mein täglicher Begleiter^^) ausdrücken darf. Auf der einen Seite heißt es, man soll auf sich schauen, das tun, was man selbst für am Besten hält (da ist schon wieder dieses ’soll‘) und auf der anderen Seite soll man aber dies und das und jenes nicht tun. Finden wir den Fehler im System? Doch die Menschheit dreht sich um das – zumindest in den Ländern, in denen es uns gut geht – und vergisst dabei wirklich das zu tun, was einem am Meisten zusagt. Aber eigentlich tut das hier auch grad gar nichts zu Sache. Es war nur so ein Nebengedanke, der sich aus dem Ganzen hier gebildet hat.

    Was Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft angeht, so finde ich es ebenfalls nur Geplapper, welches in den Raum geworfen wird. Denn sind wir mal ehrlich, gibt es tatsächlich jemanden irgendwo, der tatsächlich diesem Leitsatz folgt, ihn lebt? Noch dazu ist jetzt ja schon jetzt wieder Vergangenheit, wenn wir es ganz streng auslegen. Und wer legt fest, welcher Zeitraum die Gegenwart ist? Eine Woche? Der heutige Tag? Aber dann ist heute Morgen heute Abend doch auch schon wieder vergangenes. Noch dazu finde ich es sogar äußerst wichtig, auch mal der Vergangenheit, die vielleicht schon zehn Jahr her ist, nachzuhängen. Denn auch wenn wir an dieser Stelle ehrlich sind, haben wir doch alle unser Päkchen aus der Vergangenheit zu tragen. Und wie soll ich eine glückliche und zufriedene Gegenwart leben, wenn ich mich mit dem Mist aus der Vergangenheit nicht auseinandersetze? Wenn ich mich damit nicht auseinandersetze und es nicht verarbeite, wird es immer eine Last auf meinem Herzen, meiner Seele sein. Wenn ich es ignoriere und unterdrücke wird es mich irgendwann einholen und die Heilung liegt definitiv nicht in solch aberschlauen Bemerkungen, wie dass man nicht in der Vergangenheit leben soll. Es ist dann ja ein Problem der Gegenwart! Und ich finde auch, wenn es mir schlecht geht und ich an SCHÖNES aus meiner Vergangenheit denke, dann geht es mir auch wieder besser. Vielleicht weil es mir Kraft gibt. Es sind die Einflüsse von außenrum, die uns antreiben. Der letzte Funken ist vielleicht dann von uns selbst, aber ich bin mir sicher, dass den Großteil das Drumherum ausmacht. Auch die Zukunft kann einem gut tun. Schon Ende letzten Jahres habe ich die Tickets für das Konzert im Mai gekauft. Wer weiß, was im Mai ist, doch ich habe etwas, worauf ich mich freuen kann. Etwas, was mir ein gutes Gefühl gibt. Ich male mir den Tag in Gedanken aus, wie er sein könnte und wenn ich „fertig bin mit träumen“, habe ich mehr Energie die aktuell vor mich herschiebende Arbeit zu erledigen.

    Auch ich rede gerade viel, viel zu viel (vielleicht, weil ich heute aufgrund von Schmerzen nicht wirklich reden kann und somit muss ich meine Gedanken im Kopf in schriftlicher Form freien Lauf lassen, entschuldige), aber ich bin mir doch sicher, dass in sämtlichen Lebensbereichen mit einem gesunden Mittelmaß am Meisten erreicht werden kann. Kein Extrem macht den Kreis rund. Ein bisschen hier von, ein bisschn davon. Auch wenn man kocht, macht nur Salz oder nur Pfeffer oder nur Oregano nicht die beste Soße, sondern alle zusammen harmonieren und machen es zu einem Geschmackserlebnis.

    Liebste Grüße!

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    • Erstmal ganz besonders lieben Dank an Dich, dass Du Dir trotz Deines Krankseins die Mühe gemacht hast, so ausführlich hier zu schreiben.

      Deine Sicht ist eine sehr nachvollziehbare und plausible, und ich bin ganz sicher dass Du bestrebt bist in Deinem Leben genau so mit der Problematik umzugehen, wie Du es beschrieben hast. Und ich ahne fast, dass Du das nahezu intuitiv bewusst tust, weil es sich für Dich folgerichtig anfühlt und Du so Deine Mitte findest.

      Wenn das tatsächlich so ist, dann ist es gut.

      Ich muss gestehen, dass ich immer wieder zu dem einen oder dem anderen Extrem neige, und was die Zukunft angeht, ist das sogar ziemlich paradox, weil mich soch immer wieder Zukunftsängste plagen.

      Ich muss auch gestehen, dass ich die „Lightsätze“ da oben nicht mag, weil es mir immer schwerer gefallen ist (und dieser Prozess ist nicht abgeschlossen), mich der Gegenwart zu stellen. Was wiederum mit längst Vergangenem zu tun hat, allerding mit etwas sehr komplexen auf das ich gar nicht etwa nostalgisch zurückblicke.

      Ich danke Dir sehr für Deine Überlegungen und Gedanken zu diesem nicht „lighten“ Thema – das zeigen ja auch die weiteren Kommentare. – Ich habe durch sie und durch Dich nun viel „Futter“ bekommen, mich weiter mit dem Thema zu befassen. Und das ist gerade ziemlich wichtig für mich, weil meine aktuellen Therapiesitzungen jetzt in eine Richtung gehen, die dieses Thema stark berührt.

      Viele, sehr liebe Grüße an Dich!

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  3. Mein Lieber,
    selbstverständlich kann, soll, muss man aus Vergangenem lernen. Täten wir es nicht, müssten wir täglich alles neu entdecken und entfinden. Wir hätten keine Heuristiken, keine Vorurteile (die solange, sie regelmäßig überprüft und angepasst werden, unsere Welt erst lebbar machen), keine vertrauenswürdigen Einschätzungen, und so weit und so fort. Wir brauchen unsere Vergangenheit, unsere Erinnerungen und Erfahrungen als das, was uns konstituiert und modulliert.
    Wir brauchen es nicht als den Anker, den wir uns an den Fuß binden, um zu bleiben, wer wir waren, und dabei tief unter die Wellen des wogenden Ozeans gezogen zu werden. Du hast es selbst gesagt: Eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, vor allem, eine solche, die lehrhaft und hilfreich sein kann, ist etwas grundlegend anderes als eine Romantisierung der Vergangenheit. Damit man lernen kann, darf man nicht stehen bleiben, denn dort, wo stehst, um zu lernen, kannst du das Gelernte nicht mehr anwenden. Das bräuchte es aber, um das Lernen abzuschließen.
    Und sich zu sehr in die Zukunft stürzen? Das hat einen Effekt von stellvertretendem Leben. Wenn ich mir ein perfektes Morgen ausmale, selbst, wenn ich einen dezidierten Plan dafür aufstelle, wie ich es erreiche, wird es niemals wahr werden, wenn ich nicht irgendwann vom Morgen ins Heute zurückkehre und verstehe, dass das Morgen ein unbeschriebenes, beinahe mythisches Blatt bleibt, es sei denn, ich beginne im Heute. Der Dalai Lama hat mal gesagt: “Es gibt nur zwei Tage im Jahr, an denen nichts geschehen kann. Einer nennt sich Gestern und der andere nennt sich Morgen. Heute ist der richtige Tag, um zu leben, glauben, um zu tun und vor allem, um zu leben.“
    Im Prinzip ist das genau dein verhasster Leitsatz. Im JETZT leben. Sich jedem Moment bewusst sein. Nichts aufschieben. Alles in dem Moment erleben, in dem es ist. Darin liegt eine unsagbare Achtsamkeit, die – das bin ich sehr bereit zu glauben – eine ganz neue Wirklichkeit erschließen kann, ganz neue Lebensqualität. Es ist nur eben auch sauschwer.

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    • Weil es eben nicht heißt, dass die Vergangenheit abgeschrieben ist. Sie steht da. Denn dieser Moment wäre nicht dieser Moment, käme er mit einer anderen Vergangenheit. Was jetzt ist, kann nur sein, weil das gestern so war, wie das gestern eben war. Was geschehen ist, ist der Pool, aus dem man für das schöpfen kann, das ist. Aber eben in dieser Reihenfolge der Prioritäten.
      Die Vergangenheit, mit ihren guten Lektionen und ihren abschreckenden Beispielen, ist die Kiste mit Werkzeug und Tricks, aus der wir schöpfen, um das Jetzt zu gestalten. Nur so kann Leben (mit welcher Definition von Erfolg auch immer) erfolgreich sein. Wie viel Gutem aus der Vergangenheit Raum geschenkt wird, liegt ja Gott sei Dank häufig auch in der Hand von Individuen. (Auf höheren, größeren Ebenen ist das schwieriger, aber da ist eben alles schwieriger. Und schwieriger heißt ja nicht unmöglich. In der Renaissance hat man sich auch auf Dinge zurückberufen, die vergangenen und lange Zeit vergessen waren.) Etwas Gutem, das nicht mehr den Weg in die Gegenwart findet, nachzutrauern, mag berechtigt sein, ist aber eben wenig hilfreich. Denn Trauer bringt es nicht zurück und hilft auch nicht dabei, es zumindest wieder ins Gespräch zu bringen. Es hält dich (und viele andere) nur davon ab, die Gegenwart auch besser zu gestalten.

      Dann zu deinem kleinen Exkurs der Eigendynamik und guten Laune: Jap, Eigendynamik ist schwierig, vor allem, wenn sie ständig für Dinge benutzt wird, die sie nicht meint. Und die Idee von einfachen Antworten ist genauso schwierig. Weil die Welt viel zu kompliziert ist für einfach Antworten.
      Aber ich glaube nicht, dass es beim Leben im Hier und Jetzt um „Gute Laune“ geht. Das ganze Konzept ist ja nur tragfähig, wenn man im Hier und Jetzt auch traurig und wütend und ängstlich und frustriert sein darf. Und das dann genauso sehr zählt wie Glück. Die Idee dabei ist nicht ein öffentlichkeitswirksameres Leben, sondern eines, das sich eben weniger Ballast auf die Schultern legt, der vergangen ist und abgeschlossen, abgelegt gehört. Das heißt aber nicht, dass der Moment nicht auch Anlass für negativ konnotierte Emotionen bietet.

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      • Wobei natürlich zu bedenken ist, dass das Phänomen einer Welt, die schneller und unsteter wird, eines von Jahrhunderten. Jede gesellschaftliche Entwicklung, jeder „Fortschritt“ bringt Beschleunigung in das Leben der Menschen. Damit kommt Komplexität. Damit kommt ein beschränkterer Blick. Damit kommen aber auch tausendfache Möglichkeiten. Mein Moment im heutigen 21. Jahrhundert kann viel mehr Facetten haben, als ein Moment eines jungen Mädchens im 16. oder 17. Jahrhundert haben konnte. Das ist auch etwas Großartiges.
        Und wie immer: Es ist der Umgang mit Fortschritt, mit Technologie und Medien, der entscheidet. Es ist heutzutage immer noch möglich, aus dem Strom der Informationen herauszutreten. Einen Spaziergang zu unternehmen, einen Tee zu trinken, ein Buch zu lesen, ein Gemälde zu malen, einen Roman zu schreiben. Ein Klavierstück zu erlernen. Unsere Welt ist schnell, komplex und unübersichtlich. Aber das war die Welt für ihre Menschen zu jedem Zeitpunkt. Das ist kein Problem des 21. Jahrhunderts, es ist nur eine neue Auflage des Problems, unsere Version der Herausforderung. Ganz klar eine, mit der man umgehen muss. Aber eben nicht mit einem verklärten Blick in die Vergangenheit, sondern mit einer Idee davon, dass man für das Hier und Jetzt Inseln und Bereiche braucht, auf denen man sich Momente fürs Seelenheil und die Ruhe und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und den Zukunftsträumen nehmen kann.
        Wir sitzen in einem Schnellzug, aber wenn wir auf den Stopp-Knopf drücken, können wir an einer seiner Haltestellen aussteigen und Pause machen, und später wieder aufsteigen. Das ist unser Einfluss auf die Eigendynamik, die du eben noch so kritisiert hast. Deine Besinnung und deine Vision konterkarieren Gegenwart meiner Meinung nach nämlich auch nicht. Besinnung und Vision sind notwendige Voraussetzungen für Gestaltungsmöglichkeiten des Jetzt. Man kann im Hier und Jetzt ganz bewusst Momente der Besinnung erleben und ganz bewusst Momente der Vision erfahren, ohne sich in Vergangenheit oder Zukunft so sehr verlieren zu müssen, dass man den Bezug von Besinnung und Vision auf das Jetzt verliert.
        Meiner Meinung nach, die genauso wenig richtig oder falsch ist wie deine. ♥

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        • Deine Sicht, meine liebe Kira, ist , wie immer, eine sehr differenzierte. Und „wie in den alten Zeiten“ (sic!) bin ich sehr beeindruckt, dass und wie schnell und schlüssig Du diese Sicht zu so einem schwierigen Thema zu formulieren weißt.

          Ich habe mich in vielen Deiner Gedanken wiedergefunden, manches, von dem was ich schrieb, auf viel besser begründete Weise bestätigt gefunden. Mit Deinem letzten Absatz bringst Du das genau auf den Punkt.

          Nur mit der Eigendynamik ist es für mich nicht so einfach – ich habe eine große Abneigung, überhaupt in „eigendynamisch fahrende Züge“ einzusteigen. „Eigendynamik“, dieses Wort ist, vor allem, wenn es zur Beschreibung gesellschaftlicher „Entwicklungen“ verwandt (missbraucht) wird, für mich letztlich immer nur ein Postulat. Wenn von „Eigendynamik“ mit Blick auf gesellschaftliche Veränderungen gesprochen wird, dann ist das für mich so, wenn Frau Merkel im gleichen Kontext „alternativlos“ sagt. Wer das so sagt und meint, der dürfte niemals Politiker sein!

          Ansonsten mag ich die Aussagen in Deinem letzten Absatz sehr, auch und gerade, weil ich zuzugeben habe, dass ich es schwer, sehr schwer habe, die, wie ich inzwischen erkenne, notwendige „Balance“ zu leben, ja überhaupt erst einmal zu finden. (siehe auch Ginnys Kommentar und meine Antwort darauf). Wenn mir das wenigstens noch einmal ein bisschen gelänge … – ich wäre sehr gespannt darauf, was das mit mir und meinem Leben machen würde …

          Schönsten Dank, liebe Kira, für Deine ausführlichen Zeilen. Es ist ja total interessant, wie vielschichtig aber auch unterschiedlich und immer ganz seriös hier auf meinen Eintrag reagiert wurde. Ich finde das wunderbar, weil es mein eigenes Weiterdenken in verschiedene Richtungen lenkt.

          Liebste Grüße an Dich!

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  4. Ich kann dir in diesem Punkt leider kaum zustimmen, auch wenn ich natürlich deine Gedanken nachvollziehen kann…

    Aber die Vergangenheit ist doch noch undurchsichtiger?! Sie ist entrückt von dem was wir fühlen. Wir betrachten uns in ihr nur selbst, aber als andere Person. Es ist, als würde man einen Film über das eigene Leben sehen, in denen die Zeitachsen irgendwie verzerrt sind, weil es Tage gibt, an die wir uns einfach nicht erinnern, in denen nichts passiert ist. Und alle Bilder in diesem Film haben einen Filter und sind untermalt mit dem Erzähler, der neue Gedanken zu alten Gefühlen aufzählt. Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass niemand die Vergangenheit so erlebt, wie sie wirklich war. Und natürlich kann, sollte und will man manchmal Filme sehen, aber wenn man die ganze Zeit auf den Bildschirm starrt, wird man auch nicht schlauer.

    Und die Zukunft ist auch so eine Sache: Wir erreichen sie nie. Alles, was in der Zukunft liegt, wird nicht real. Sobald es real wird, ist es nicht mehr die Zukunft. Wie eine Person, die man nur aus Gerüchten kennt. Sobald sie vor einem steht, real wird, sich verdichtet, ist sie nicht mehr die selbe Person, die in den Gerüchten lebte. Und auch hier gilt, dass man gern Gerüchte hört und vielleicht auch oft auf ihrer Grundlage handelt, aber man sollte darüber hinaus vielleicht nicht vergessen, dass es am Ende nicht nur ein Abbild oder eine Erzählung sein wird, sondern vor allem ein reales Ding, 3-dimensonal und mehr als nur einen Sinn betreffend.

    Am Ende bleibt uns wahrlich nichts anderes übrig, als in der Gegenwart zu leben, denn nur hier schlägt unser Herz und fließt das Blut in unseren Adern und nur hier können wir schmecken, riechen, hören und tasten. Gedanken und Erinnerungen sind genauso unstetig wie die Gegenwart, sie verschieben sich mit der Zeit, wandeln sich – eben weil wir Gerüchte hören und Filme schauen – aber der Rest unseres Selbst, unser Körper und seine Emotionen, sie existieren nun einmal nur im hier und jetzt. Ich denke, da ist eine Balance sehr, sehr wichtig!

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    • Es ist sehr interessant, anregend und bereichernd für mich, festzustellen welch unterschiedliche Kommentare ich hier zu meinem Eintrag bekomme. Und frappierend: Ich kann allen etwas abgewinnen. Ich finde in allen etwas, was mir in gewissem Gegensatz zu meinen eigenen Gedanken plausibel scheint.

      Vor allem der letzte Absatz, den Du verfasst hat, der hat mich noch einmal sehr nachdenken lassen. Und ich wäre wohl selbst nicht mehr ernst zu nehmen, wenn ich ihm widerspräche. Denn ja, natürlich, schmecke, höre, rieche und taste ich jeweils nur in dem was Gegenwart ist. Nur hier kommen meine Sinne unmittelbar zum „Einsatz“ – Und dann ist da der letzte Satz, der mit der Balance.

      Die habe ich durchaus verloren, in den letzten Jahren mehr und mehr. Deine Betonung dieses Aspekts hat ihn mir gerade noch einmal sehr bewusst gemacht. – Du kannst nichts dafür, dass das gerade ziemlich schmerzhaft war (Ich hatte Mittwoch eine Therapiestunde, die dieses „Fass“ sehr weit aufgemacht hat, und ich bin noch nicht so weit, dass zu verarbeiten). – Vielmehr bin ich beeindruckt, wie klar Du das siehst, wie eindringlich Du es als so sehr wichtig betonst.

      Ich weiß schon, weshalb ich Deine Gedanken, Deine Meinungen, obwohl sie häufig auf anderen Wegen daher kommen als meine eigenen und durchaus auch anders sind, immer wieder gern lese und besonders schätze …

      Sehr aufrichtigen Dank dafür, und liebe Grüße an Dich!

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  5. Manchen Leuten hilft es, Erklärungen für Vergangenes zu finden, sie können danach eher zur Ruhe kommen. Anderen wieder macht genau die Aufarbeitung der Vergangenheit so sehr zu schaffen, dass sie in der Gegenwart permanent straucheln. Im zweiten Fall empfiehlt es sich, unbeantwortbare Fragen rund um die eigene Vergangenheit irgendwann sein zu lassen und sich auf das Gegenwärtige mit Orientierung nach vorn zu konzentrieren, weil im Gegensatz zu Künftigem Vergangenes mit Sicherheit nimmer zu beeinflussen ist und man es sich z.B. bei überwiegender Negativität maximal noch irgendwie erträglich malen könnte. Wie man damit umgehen will, muss man leider doch immer noch selber herausfinden, kann dabei zwar Anleitungen und Tipps zuhilfe nehmen, wird aber letztlich in erster Linie selbst entscheiden müssen, welche Variante fürs persönliche Seelenwohl zweckdienlich ist.

    Sich die Zukunft vorzustellen, auch in fortgeschrittenem Alter immer noch ein bisserl in sie hineinzuträumen oder ein paar realistisch anmutende Pläne zu machen, gehört irgendwie zu jedem Leben dazu – zumindest ich kenne niemanden, der sich trotz intensiv erlebter Gegenwart samt Höhen und Tiefen nicht auch auf ganz individuelle Weise mit diversen Möglichkeiten der nächsten Wochen, Monate, Jahre auseinandersetzt.

    Es hängt viel davon ab, welcher Typus Mensch man ist. Und wie ich ja schon mehrmals erwähnte: Leitsätze, Aphorismen & Co können hilfreich sein, müssen doch aber nicht unbedingt angewandt werden. Die Gegenwart Vergangenem oder Künftigem unterzuordnen, halte ich persönlich für unfair den Momenten gegenüber – immerhin tragen sie am meisten dazu bei, uns so werden zu lassen, wie wir in gewissen Abständen und eines Tages vielleicht in abschließender Analyse auf uns blicken, mitsamt unseren Wandlungen als Folge von Geschehnissen, Erkenntnissen, Stimmungen und dem ganzen Herz-Hirn-Wirrwarr, das uns die Vielfalt von Gedanken rund um Erinnerungen, Träume, Gefühle und Handlungen beschert und ohne die wir nicht die wären, die wir nun mal zum jeweiligen Zeitpunkt, also ziemlich gegenwärtig, gerade sind.

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    • Mit dem Erklärungen in der Vergangenheit finden, beschäftige ich mich schon lange. Sehr intensiviert und ausdrücklich in diese Richtung befördert durch meine verschiedenen Therapeuten. – Manche Teile davon mag ich nicht mehr betrachten.

      Ich weiß, dass mir das nichts bringt. Die wichtige Erkenntnis, die ich aus den Rückschauen gewonnen habe ist, dass meine Vergangenheit ein Teil von mir ist und bleibt und dass meine Person schon von Beginn an die wurde, die sie heute ist. Das ist keinesfalls besonders tröstlich. Und auch deshalb frage ich mich zunehmend, was dieses Bohren in Vergangenem denn noch weiter bringen soll.

      Allerdings gibt es da einen Unterschied ztwischen meiner „älteren“ und meiner „jüngeren“ Vergangenheit. Diese Letztere, die ist mir mittlerweile sehr wichtig geworden. Denn in ihr habe ich meine Zuversicht (die, zugegeben, nie so besonders ausgeprägt vorhanden war) verloren. Und ich weiß nicht wie ich sie in der gegenwart wiederfinden soll. Und, was die Chancen in der Zukunft betrifft, habe ich bislang nur eine sehr vage und womöglich recht folgenreiche Vision im Kopf, die ich sehr will und doch wieder nicht, eben, weil sie serh folgenreich wäre.

      An dieser ganzen Problemstellung werde ich mich wohl währemnd meiner nächsten Therapiesitzungen abarbeiten. Ich habe es selbst in diese Richtung „gesteuert“. Wenn das nichts bringt, bringt nichts mehr was. – Freilich ist es furchtbar anstrengend – letzten Mittwochabend, war ich total fertig nach den 50 Minuten … – es bringt mich ganz doll an meine Grenzen …

      *

      Was Du über die Bedeutung gegenwärtiger Momente geschrieben hast, gefällt mir sehr gut, Jessie. Und es ist schön und wichtig, dass Du mit diesen Zeilen mein Augenmerk darauf gelenkt hast. Ginny hat das ja auch schon getan.

      Es ist großartig, wie mit wie viel Interesse und Teilnahme alle hier meine Gedanken aufgenommen haben und wie vielschichtig und geduldig sie verstanden und reflektiert werden und wie respektvoll und begründet manchen von ihnen auch widersprochen wird.

      Dankeschön allen.

      Dankeschön auch und immer wieder natürlich vor allem auch Dir, liebe Jessie. – Schönste Grüße an Dich!

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  6. Die ganze Zeit über habe ich genickt, während ich das gelesen habe!
    Vor allem der Teil „Das „Hier und Jetzt“ ist, konsequent betrachtet, jeweils nur eine Momentaufnahme, ein Blitzlicht. Gerade geschossen und sogleich Geschichte. Gegenwart gibt es faktisch gar nicht, es gibt Vergangenheit und Zukunft“ ist genau das, was ich mir auch ständig denke.
    Natürlich meint man mit „Im Hier & Jetzt leben“ vereinfacht gesagt, dass Menschen sich nicht ständig den Kopf zerbrechen sollen über Dinge, die sie nicht ändern können (soll heißen: was schon geschehen ist und was noch geschehen wird). Es ist mir (und dir sicherlich ebenfalls) auch klar, dass es sinnvoll ist, die Gegenwart bewusst zu erleben.
    Aber das wars für mich dann auch schon. Ich muss ja aus der Vergangenheit lernen (passiert automatisch, manchmal auch ganz gezielt), um in der Zukunft dort zu landen, wo ich möchte.
    Du nennst es sehr passend auch Vision für die Zukunft.

    Wirklich kluge Gedanken hier, denen ich so sehr zustimmen möchte!

    Liebe Grüße an dich ✨

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