Tagebuchseite -558-

Meine Art trösten und teilen zu wollen

Die Tage ziehen dahin. Sie sind so , dass ich außerstande bin, sie zu beschreiben, weil mich das in Momente, in Situationen, zurückholen würde, in viele Momente und Situationen, von denen ich weiß, dass sie auf nicht absehbare Zeit so oder so ähnlich wieder und wieder geschehen können und werden. Und das ist genug. Jede derartige Beschreibung wäre eine Wiederholung eine Erinnerung oder auch eine neuerliche Vision und also zu viel für mich. Ich kann sie nicht leisten, muss sie meinem Tagebuch vorenthalten.

Manchmal ist es gut, wenn die eigenen Kräfte beschränkt sind.

Ich versuche, zu entdecken und mir bewusst zu machen, was denn die dahinziehenden Tage neben jenen Situationen und Momenten, deren Beschreibung ich vermeide, noch ausmacht. Denn, ja, diese Situationen und Momente sind nicht alles. So lang, so ausdauernd, so wiederkehrend sie auch sind. Sie charakterisieren die Tagesläufe, aber sie machen sie nicht in Gänze aus. Auch die schlimmsten Tagesläufe nicht

*

Ich höre eine Stimme, die eine Melodie singt und ich verliebe mich. Mein Herz schlägt mir vor Sehnsucht und Glück bis zum Hals. Und wird Rhythmus, und Stimme jener Melodie, die plötzlich zweistimmig klingt. Und der Text zu der Melodie wird zu einem Zwiegespräch mit mir selbst. Und ich lerne mich ein Stückchen weiter kennen dadurch, bisweilen nicht ohne größeres Staunen.

Ich lese Verse und spüre wie sich meine Seele von ihnen bereitwillig einfangen lässt, weil ein unverfälschtes Fühlen in ihnen geschrieben steht, ein Fühlen von Wind und Natur und Sonnenstrahlen. Und ich fühle mit. Und wie das geschieht, ist es wie eine nie sichtbar werdende Zweisamkeit. Und ich bin einen Wimpernschlag lang wirklich glücklich.

Ich empfange einen schüchternen Gruß, fünf Sitzreihen von meinem Platz im Bus entfernt. Und als das grüßende Gesicht aussteigt, schickt es mir noch ein freundliches „Tschüss“ aus seinem Antlitz und ein Lächeln, das ich in mir bis nach Hause trage und das als Erinnerung in mir verbleibt.

Ich sehe einen Videoclip, dessen Bilder durch meine Augen dringend zu einem Tagtraum werden, in dem ich fliege, ohne Höhenangst, statt dessen Freiheit ahnend. Eine Ahnung, die nur als Ahnung Gewissheit bleibt. Aber Gewissheit eben. Gewissheit, die Angst nicht einschließt. Was für eine Erfahrung!

Ich erlebe Geborgenheit. Das Ruhen meines Kopfes an einer kleinen, warmen Schulter. Die zarte Wärme sendet ebenso temperierte Sensoren zu jenen Orten in mir, die weh tun. Wie ein heilen wollender Balsam breiten sie sich darinnen aus. Und, wenn ich nun die Augen schließe, wird es ein bisschen ruhiger in mir. Der Schmerz zieht vor mir in die Nacht …

*

Die Aufzählung ist nicht vollständig. Die Zahl der Dinge, der Episoden, der Zeilen, der Melodien, der Menschen, die ich wahrnehme, die dem Charakteristischen der Tage, die ich erlebe, jenem, was ich mittlerweile, mindestens aber gegenwärtig, nicht mehr zu beschreiben imstande bin, widersprechen, ist größer.

Sie ist nicht groß genug, um mein Leben zu prägen. Ich muss so viel mehr empfinden, so viel, von dem, was das Schlimme der Tagesläufe, die ich durchlebe, ausmacht. Und leider holen alle meine nächtlichen Träume, den Schmerz, der sich an manchem Abend ein kleines Stück von mir stahl, Nächtens wieder ein.

Dass Wissen, dass es mir nicht allein so oder ähnlich geht, vermag mich nicht zu trösten.

Aber die Hoffnung, dass mein so schwieriges, oft so verzagtes Mühen offen zu bleiben, für Melodien, die Zwiegespräche werden, für Verse, die glücklich machen., für schüchterne Grüße, die ein Lächeln hinterlassen, für Gewissheiten, selbst, wenn die nur Träume sind und für das Empfinden von Wärme, die aus Augen und aus Herzen strahlt, unter aller Last ein Beispiel sein könnte, die tröstet mich.

Ein bisschen wenigstens

Vor allem deshalb suche ich dieses offen Sein zu erhalten und weiter zu nähren. Und ich möchte es sehr gern und von Herzen teilen.

Weil ich weiß, dass es mir nicht allein so oder so ähnlich geht, wie mir selbst.

*

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