Scham (Sentenzen -34-)

Scham ist keine Charaktereigenschaft. Sie ist ein Gefühl, ein Empfinden, eine spezielle Art des Empfindens.

Mich beschäftigt das Phänomen der Scham, des sich Schämens, schon lange und immer wieder.

Ich habe an mir selbst bemerkt, dass Scham in unterschiedlichen Zusammenhängen und sich sehr unterschiedlich äußernd auftreten kann. Mit Blick auf andere Menschen habe ich festgestellt, dass sich manche Menschen mehr, häufiger und intensiver schämen als andere, auch, dass die Anlässe und wohl tiefergehend auch die Ursachen für Scham letztlich bei jedem Menschen verschiedene sind.

Scham ist offenkundig keinem Menschen naturgegeben. Sie entwickelt sich erst im Verlauf seines Wachsens und Werdens als Persönlichkeit, stark, wie womöglich kaum ein anderes Empfinden geprägt durch die erfahrene Erziehung und die Einflüsse unterschiedlicher sozialer Milieus und damit jeweils verbundener, prägender Personen, vor allem im Kindes- und Jugendalter.

Häufig stelle ich mir die Frage, ob Anlässe, auslösende Momente, Intensität und Art und Weise des Schämens damit dann für die Dauer des „Erwachsenenlebens“ eines jeden Menschen grundsätzlich festgelegt sind.

Bislang bin ich eher geneigt, diese Frage zu bejahen, wissend wie schwer es ist, eine einmal mehr oder weniger stark herausgebildete, „gefestigte“ Persönlichkeit noch im Sinne von genereller Veränderung zu beeinflussen. Stark jene Persönlichkeit charakterisierende und konstituierende, verfestigte Gefühls- und Empfindungsabläufe eines Menschen zu beeinflussen, erscheint mir, wenn überhaupt möglich, dann nur ein äußerst schwierig und allenfalls in sehr kleinen Schritten realisierbares Unterfangen zu sein.

Warum beschäftigt mich das Thema „Scham“ so fortgesetzt und immer wieder so intensiv?

Ursache ist die Wahrnehmung, dass sich die Menschen unterschiedlich oft, unterschiedlich intensiv, aus unterschiedlichen Anlässen schämen und, dass mich das jeweils sehr „anspricht“ und quasi zwangsläufig zur Auseinandersetzung mit meinem eigenen „Schamverhalten“ führt. Und zwar dem leiblichen Schamverhalten, welches sich auf die eigene Person (deren Erscheinungsbild, deren Äußerungen, Handlungen, deren vermeintliche Wahrnehmung durch Dritte) bezieht, ebenso wie jenes, welches durch Äußerungen oder Handlungen anderer Menschen bedingt ist und seit einigen Jahren als „fremdschämen“ bezeichnet wird.

Wenn mich mein eigener Eindruck nicht trügt, dann schäme ich mich vergleichsweise oft und intensiv. Die Häufigkeit und die Stärke meines Empfindens von Peinlichkeit und Abscheu, scheinen mir dafür recht sichere Indikatoren zu sein.

Zu einen schäme ich mich für mich selbst, für eine Unsicherheit, die ich nicht zu überwinden vermag, für eine Unbedachtheit im Sprechen, Schreiben oder sonstigen Handeln (wobei die Unbedachtheit eine spontane oder eine in meiner Person quasi begründete sein kann). Ich schäme mich bisweilen für Unfähigkeit, für Unangemessenheit, ja bisweilen auch für mein Erscheinungsbild. Ob und wie sehr ich mich schäme, hängt dabei natürlich auch immer von dem mich gerade umgebenden Kontext ab.

Es hängt, so sehe ich das jedenfalls für mich, weniger von der oder einer Sorge ab, etwa nicht perfekt genug zu sein, zu erscheinen oder auszusehen. Ich MÖCHTE ausdrücklich so erscheinen, wie ich bin. Ich mag mich nicht verstellen. Und versuchte ich es, dann würde es sehr sicher zu einer jener Peinlichkeiten führen, die dann meine Scham befeuerten.

Ich schäme mich aber auch für andere Menschen.

Zotige Witze oder intime Begebenheiten, die jemand erzählt, zum Beispiel, verursachen mir recht sicher ein regelrechtes körperliches Unbehagen. Überhaupt, so Witze und Bemerkungen unterhalb „meiner“ Gürtellinie (was als „unter der Gürtellinie“ empfunden wird, ist freilich ja mindestens so individuell verschieden, wie das eigene Moral- oder Ethikverständnis). So schäme ich mich auch für manche Fernsehsendung. Und sehr für Überheblichkeit, z.B. gegenüber Frauen oder gegenüber Menschen, die irgendeine Spezifik aufweisen, die vermeintlich „nicht normal“ oder auch nur „anders“ ist.

Ich schäme mich ab jeweils einer bestimmten Stufe für Ignoranz, Arroganz, Selbstgefälligkeit, Eigenliebe anderer Menschen. Für ihre Machtgier. Ich schäme mich nicht so selten für jene, die das Land, in dem ich lebe, regieren und repräsentieren, aber auch für solche, die das bezogen auf Europa oder ein anderes Land tun. Ich schäme mich auch für manche der Oppositionellen.

Die Aufzählung ist nicht vollständig.

Wie weiter oben schon angedeutet: Ich schäme mich recht viel, recht oft und recht intensiv.

Wie „sinnvoll“ ist es, sich zu schämen?

Wenn es um das „Selbstschämen“ geht, dann mag es dazu beitragen oder sogar initiierend sein, die eigene Person (wieder) kritisch zu hinterfragen, sich und das eigene Tun zu reflektieren, bestenfalls mit der Folge, bei der nächsten Gelegenheit das Betreffende anders anzustellen, es wenigstens zu versuchen.

Beim Fremdschämen, würde bzw. ist es mutmaßlich noch schwieriger. Denn hier müsste ich versuchen, auf diejenigen Einfluss zu nehmen für die oder derentwegen ich mich schäme. Dazu braucht es viel. Im Zweifel vor allem eine angemessene Portion Selbstvertrauen. Die muss man erst mal haben …

Aber noch einmal zurück zum Phänomen des Schämens als solches.

Wie wohl bei fast allen irgendwie psychischen „Erscheinungen“ ist ein Zuviel sehr wahrscheinlich ebenso schädlich (wohl vor allem für die eigene Person) wie ein Zuwenig verwerflich (dies nun vermutlich mehr bezogen auf Personen die einem Zuwenig an entsprechender Sensibilität ausgesetzt sind).

Soweit klingt das logisch. Die Frage aber, wie es gelingen kann, das „richtige“ oder „angemessen ausgewogene“ Maß an Scham zu pflegen hingegen, klingt in meinen Ohren seltsam, irreal. Der Gedanke, dass die Summe, der Durchschnitt allen Schämens schon für die erforderliche Ausgewogenheit in größeren Zusammenhängen sorgen würde, klingt nicht besser, nicht überzeugender, nur plakativer.

Ich vermag die Frage nicht zu beantworten, nicht einmal zu sagen, ob sie wirklich sinnvoll ist.

Ich kann, wieder nur ganz auf mich bezogen, sagen, dass mir Menschen, die sich im Zweifel zu viel und/oder zu intensiv schämen, näher, ja, auch sympathischer sind als jene , die das zu wenig bzw. eher oberflächlich tun. Für mich ist ein sich eher „zu viel“ oder „zu intensiv“ schämen, Ausdruck einer besonderen, einer ausgeprägten Sensibilität desjenigen, den es charakterisiert.

Diese Eigenschaft hat für mich einen sehr hohen Wert, selbst, wenn durch sie hervorgerufen, sehr grundsätzlich ein „Zuviel“ an Empfindung, an Gefühl bedingt wird. Weil sensible Menschen generell sehr aufmerksame Menschen sind, zugleich auch sehr verletzbare.

Aufmerksamkeit aber ist in heutigen Zeiten wichtiger denn je, damit nicht immer wieder so viele, zu viele, verletzt werden.

Lieber also zu viel als zu wenig davon in unserer gegenwärtigen Welt.

Ureigen menschliches Empfinden ist wichtig, ist einzigartig, halt nur dem Menschen eigen. Mehr oder weniger.

Und sich schämen ist ureigen menschlich. Kein anderes Lebewesen vermag das.

2 Gedanken zu “Scham (Sentenzen -34-)

  1. Lieber Sternflüsterer, das sind wieder Gedanken, die ich mehrfach lese, wie all deine Gedanken, auch um sie zu verinnerlichen.
    So viel kann ich dazu sagen. Ich mag mich auf deine letzten Gedanken hierzu beziehen.
    Auch ich finde ein mehr von all dieser Aufmerksamkeit, Sensibilität auf Dinge und auch auf das füreinander so wichtig. Ein wenig Scham hier und da steht uns allen gut, wenn sie nicht gar Überhand nimmt. Für Dinge, die gut sind müssen wir uns nicht schämen, ein bisschen verlegen dürfen wir sein über gutes Lob und Anerkennung. Fremdschämen ist schwierig. Besser wäre dann schon, demjenigen mit Worten entgegen zu treten, falls es dann möglich ist. Das wird immer unterschiedlich sein, je nach Situation. Ich selbst hätte wohl gar nicht den Mut.
    Ich mag deine Gedanken, weil sie mich auch so oft zum Nachdenken anregen.
    Ich wünsche dir einen schönen Abend und dass jeder kommende Tag so viel mehr Licht für dich in sich trägt. Ich denke viel an dich, Arjana.

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    • Mit dem „Fremdschämen“ geht es mir ähnlich, in meinem Text schrieb ich ja schon, dass es auch eine Frage des eigenen Selbstvertrauens ist, aktiv gegen Ursachen davon vorzugehen. Wenn es dann noch sehr komplexe Ursachen oder komplexe Zusammenhänge betrifft, befällt mich schon mal eine ziemlich große Ohnmacht.

      Ich weiß, dass nicht alle Menschen gleich sein können und, dass das am Ende auch kein gedeihliches, einander förderndes und motivierendes Zusammenleben bedingen würde. Aber ich wünsche mir so sehr mehr Rücksicht und verstehen Wollen, weniger Machtgier und Egoismus. Und zwar grundsätzlich.

      Vielen Dank, Arjana, für Deine lieben Wünsche. Ich nehme sie gern. Nicht nur, weil mir momentan wieder mehr durch Kopf, Herz und Seele geht, als es sollte. Auch meine Gedanken begleiten Dich – sie wollen Dich stets unterstützen, und stark machen, so stark wie Dein Wesen, dass Dich als Menschen ausmacht, als solches längst schon ist.

      Viele ganz liebe Grüße an Dich!

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