Tagebuchseite -464-

Nachdenkliches über wirkliche Freundschaften

Über Freundschaften, ihre Bedeutung für unser Leben, ist schon so vieles gesagt und geschrieben worden. Dennoch, und insoweit bin ich augenscheinlich nicht allein, bewegen mich zum Thema Freundschaft immer wieder viele Gedanken, und es stellen sich mir zuweilen auch immer noch neue Fragen dazu, obwohl ich doch an Lebenserfahrung eigentlich schon ziemlich reich sein sollte.

Mir sind da zuletzt einige Aussagen und Gedanken anderer Menschen begegnet, die solche Gedanken und Fragen neuerlich in mir und für mich ausgelöst bzw. aufgeworfen haben.

Eine derartige Aussage fand ich vor wenigen Tagen im Kommentar eines Users dieser Blogplattform. Sie lautete:

„Richtige Freunde zu haben ist ein Geschenk. Aber wie viel echte Freunde kann man emotional verkraften?“

Den ersten Satz habe ich im Geiste sofort unterschrieben. Der zweite hat mich an ein längeres Gespräch erinnert, das ich mit Manni aus meiner Gruppe während meines Klinikaufenthalts hatte. Er hatte mich damals gefragt, ob es nicht auch von Vorteil wäre, dass die wenigen WIRKLICHEN meiner Freundschaften in doch verhältnismäßig weiter Entfernung von mir ihr zu Hause hätten, ob das anderenfalls nicht mit der Zeit zu „anstrengend“ werden könnte.

Ich habe das schon damals nicht recht nachvollziehen können. Steckt dahinter nicht die Annahme oder Vermutung, dass einer WIRKLICHEN Freundschaft, ein ZUVIEL an Emotion, ein ZUVIEL an Gefühl mit im Spiel sein könnte, vor allem dann, wenn die Gelegenheit da ist, durch Nähe, intensiver aneinander teilzuhaben, unmittelbarer voneinander zu hören, mit zu erleben?

Ich kann und möchte nicht unerwähnt lassen, dass Manni und auch der erwähnte User beides MÄNNER sind, denn möglicherweise spielt das eine Rolle, auch, wenn ich Manni ja immerhin ein bisschen kennengelernt habe, und als einen „besonderen“ Mann, nämlich einen der nicht so „typisch“ ist, ich ihn als sehr sensibel, als oft nachdenklich, als einen guten Zuhörer, jemanden, der sehr bemüht ist, sich einzufühlen, wahrgenommen habe.

Kann es sein, dass er, WEIL er so ist, seine Bedenken angemeldet hat – hieße dass dann aber, wenn man es denn verallgemeinerte, nicht, dass einfühlsame Männer NAHE WIRKLICHE Freundschaften nur schwer auszuhalten vermöchten?

Jenen User, den ich hier zitiert habe, kenne ich nicht persönlich, aber er hat noch zwei weitere, interessante Sätze zu dem Thema geschrieben:

„Ihr Frauen könnt auch besser enge Freundschaften pflegen als Männer. Wir wollen nicht so über Gefühle reden, lieber über irgendwelche Dinge.“

Wenn das generell so stimmen sollte, warum sollten dann sensible, einfühlsame Männer nicht auch gut enge Freundschaften pflegen können? Sie wären dann ja immerhin ein „bisschen mehr“ Frau.

Offenkundig ist das gar keine so einfache Sache mit den wirklichen Freundschaften.
Komplett verworren scheint es zu werden, wenn ich mir einen Satz meiner Frau, den sie nicht nur einmal gesagt hat, vergegenwärtige: „So viele wirkliche Freundschaften zwischen Frauen gibt es gar nicht. Da wird viel mehr behauptet als wahr ist, vor allem von den Frauen. Ich denke, dass richtige Männerfreundschaften viel ehrlicher und haltbarer sind.“

Aber sind die wirklich so zahlreich? Und inwieweit stimmen als die anderen Aussagen? Und was ist eigentlich mit WIRKLICHEN Freundschaften zwischen Frauen und Männern? – Die werden ja wohl generell nach wie vor im Mindesten ebenso stark zweifelnd, wie kritisch, wie ungläubig beäugt, einschließlich derer, die behaupten, dass sie sie zu pflegen und zu leben vermögen, ohne dass es „zum Äußersten“ kommt. – Ich bin so einer, der so was behauptet. UND lebt! ( Dazu hatte ich ganz am Anfang meiner zweifelhaften Bloggerkarriere hier auch schon mal etwas ausführlicher geschrieben.)

Ich könnte es mir ja verhältnismäßig leicht machen und sagen, so wie ich halt, womöglich sonderbarer Weise, wirkliche Freundschaften zu weiblichen Zeitgenossinnen als solche zu pflegen in der Lage bin, so sind auch alle anderen Fragen, vor allem auch die nach dem „aushalten Können“ einer tatsächlichen örtlichen Nähe solcher Freundschaften, immer eine konkrete Sache. Jeder Mensch wird sie anders sehen. Jeder Mensch wird anders damit umzugehen in der Lage sein.

Aber ist es so einfach? Hinsichtlich der Frage von tatsächlich „nur“ WIRKLICHEN Freundschaften zwischen Männern und Frauen, wird das regelmäßig ganz offensichtlich nicht so gesehen. Und hinsichtlich der, nach der zu größten Nähe und der damit womöglich verbundenen zu großen „emotionalen Anstrengung“ für die Beteiligten?

Ich weiß es nicht.

Die beiden Meinungen, die ich hier widergegeben habe, mögen, ja, können nicht repräsentativ sein.

Aber sie haben mich doch sehr nachdenklich gemacht. – Und bei diesem Nachdenken bin ich zu folgendem (Zwischen)ergebnis gekommen:

Jedes Ding, jedes Verhältnis, jede Beziehung hat und braucht seine/ihre „Ökonomie“. Auch jede Freundschaft, jede WIRKLICHE Freundschaft. Aber das eine WIRKLICHE Freundschaft das angemessene Maß jener Ökonomie selbst findet, ist vergleichsweise groß, auch dann, wenn die beiden befreundeten Menschen in tatsächlicher Nähe wohnen würden. Denn eine wirkliche Freundschaft ist mehr wie alles andere von Vertrauen, von Rücksicht, von Empathie geprägt, auch dafür, dem jeweils anderen nicht zu viel zuzumuten. In einer wirklichen Freundschaft kann man sich ein „ZUVIEL“ sagen und bekennen, ohne dass die Freundschaft deshalb Schaden nimmt, ebenso, wie ein „Jetzt bitte nicht“ aber auch ein „Doch DU darfst reden, auch JETZT, auch SCHON WIEDER“.

Dann, wenn man sich näher wäre oder ist, kann man sich häufiger in die Augen sehen. Und manchmal braucht es dann gar nicht so viele Worte, so viele Erklärungen, wie sie etwa per Telefon, viele –zig oder gar hunderte Kilometer überwinden müssend, gesagt werden würden oder müssten.

Im Übrigen ist es darüber hinaus ja gerade nicht so, dass im Verlaufe wirklicher Freundschaften nur Anstrengendes miteinander geteilt oder ausgetauscht wird. Ich habe durch solche Freundschaften mindestens, wenn nicht viel mehr emotionale Entlastung erfahren und geschenkt bekommen.

Ein „Zuviel“ an tatsächlich echten, an tatsächlich WIRKLICHEN Freundschaften, eine emotionale Überforderung“ durch zu große Nähe wirklicher Freundschaften – ich kann mir beides nicht vorstellen. – Dafür sind solche Freundschaften grundsätzlich zu selten und zu besonders.

Ich habe hier noch ein Lied, das mir sehr gefällt, mal wieder von und mit Katie Melua – es ist eins, was mich besonders an meine wirklichen Freundschaften und mir sonst besonders liebe und wichtige Menschen denken lässt. Und ich habe es hier in einer besonders schönen Version:

6 Antworten zu “Tagebuchseite -464-

  1. Lieber schweitzer,
    du weißt ja, ich tendiere dazu, Dinge grundsätzlich nach ihrer Allgemeingültigkeit zu hinterfragen. Und die erste Frage, die sich mir beim Lesen stellte, war: Was bedeutet eine WIRKLICHE Freundschaft? Ist sie nicht für jeden eine ganz eigene Betrachtung wert? Sicher gibt es jene, denen leichte Unterhaltung schon eine tiefe Freundschaft bedeuten kann, andere wieder sitzen schweigend nebeneinander an einem Berggipfel, den sie wenig redend erklommen haben, und fühlen sich in der Freundschaft völlig erfüllt. Wirklich ist eine Freundschaft vielleicht immer dann, wenn sie erfüllt ist, wenn beide Seiten mit ihrem Ausmaß glücklich sind, wenn sie im Gleichgewicht ist…

    „Denn eine wirkliche Freundschaft ist mehr wie alles andere von Vertrauen, von Rücksicht, von Empathie geprägt, auch dafür, dem jeweils anderen nicht zu viel zuzumuten. In einer wirklichen Freundschaft kann man sich ein „ZUVIEL“ sagen und bekennen, ohne dass die Freundschaft deshalb Schaden nimmt, ebenso, wie ein „Jetzt bitte nicht“ aber auch ein „Doch DU darfst reden, auch JETZT, auch SCHON WIEDER“.“

    Diese Worte beschreiben sehr kurz aber wirksam, wie du wirkliche Freundschaften empfindest und es ist ein sehr schönes, weil seltenes Empfinden. Zumindest selten so in Worte gefasst (denn allzu viele Menschen, um mir ein solches Urteil erlauben zu dürfen, kenne ich auch wieder nicht). So wie du sehe ich das im Übrigen auch. Ein Zuviel kann man sich sagen, ohne einander zu verletzen. Die Nöte des anderen anerkennen, doch immer mit der Möglichkeit, sich guten Gewissens abgrenzen zu dürfen, wenn man selbst nicht an der Last des anderen mit tragen kann. Eine Freundschaft, auch eine „echte“, darf auch anstrengend sein, wenn man es zulässt, wissend, dass sich diese Anstrengung lohnt.

    Freundschaft ist ein Geschenk, jede einzelne auf ihre Weise. Ist es keine „wirkliche“, wird es im Laufe der Zeit so anstrengend werden, dass sie, ob nah oder fern (eine Distanz ist meiner Meinung nach etwas, das in der Seele entsteht, nicht in der räumlichen Entfernung), zerbricht, sich verliert, endet…

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    • Ich wusste, dass Du „wirkliche“ Freundschaft ganz ähnlich definieren würdest, wie ich das versucht habe. – Das hier von Dir noch einmal so bestätigt zu bekommen, das empfinde ich als sehr schön. – Und der Einschub in Deinen letzten Satz, wonach Distanz vor allem etwas ist, was in der Seele entsteht, an dem ist sehr viel Wahres.

      Trotzdem hätte ich Dich manches Mal sehr gern einfach „um die Ecke wohnen“ … 😉

      Meine liebsten Grüße an Dich!

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  2. Wollte noch erwähnen, über das emotionale Verkraften von Freundschaften denke ich ähnlich, wie über die Freundschaften selbst. Es hängt vom eigenen Empfinden ab, so etwas lässt sich nicht verallgemeinern. Grundsätzlich könnte ich mir aber vorstellen, dass je mehr Freundschaften es im Leben sind, desto weniger Zeit bleibt im Verhältnis für jeden einzelnen. Es wird automatisch abgewogen, welcher Mensch mehr Wert hat, Prioritäten gesetzt, ob wir uns das eingestehen oder nicht. Es gibt immer Lieblingsmenschen und so werden vielleicht aus einst sehr intensiven Freundschaften einmal Bekanntschaften. In der Angst, dass das passieren könnte, geht man vielleicht zeitweise an seine Grenzen und darüber hinaus, oder aber hegt von vornherein wenige und gute Freundschaften.

    Man lernt immer wieder wunderbare Menschen kennen, die einen neuen Platz in der Seele gewinnen können. Und die manchmal ganz unverhofft einfach auf der Couch mitten im Wohnzimmer des Herzens sitzen, das eben noch leer war 😉

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  3. Zu dem was deine Frau gesagt hat:

    Ich denke, dass sie recht hat, dass viele Frauenfreundschaften mehr Schein als Sein sind auch wenn sie meist nicht so wahrgenommen werden.
    Der Grund liegt denke ich daran, dass Frauen im Unterbewusstsein von Kindheit an eine Art Ranking führen. Etwas, was von ihrer sozialisierenden Umgebung gestützt wird. Dieses Ranking kommt vor allem dann zum Vorschein, wenn man den berühmt berüchtigten Lästerrunden zuhört in denen Frauen nämlich meistens über andere Frauen reden und zwar so, dass sie selbst besser da stehen. Und dieses simple Spiel zieht sich durch alle Lebensbereiche und Abschnitte, es sei denn, irgendwer erklärt einem irgendwann einmal, dass es Zeit- und Energieverschwendung ist und dass man sich besser stützen als zerreißen sollte.
    Anyway, Ich vermute, dass das auch der Grund ist, warum Frauen oftmals viele oberflächliche Freundschaften führen. Ich kenne mehrere Mädchen, die diese Prinzip perfektionieren indem sie sich nur Freundinnen suchen, welche in gesellschaftlichen Normen der Attraktivität schlechter dastehen als sie selbst.

    Ich wage zu bezweifeln, dass es diese Strategie bei Männern gibt bzw. dass sie die nötig habe, denn ihre gesellschaftliche Position verlangt nicht, dass sie „die Beste“ sein müssen.
    Leider wird es von Frauen immer noch unausgesprochen verlangt.
    Wer natürlich ein bisschen sich mit der Sache beschäftigt, kann sich darüber hinweg setzten und dann reicht es einem auch, Freundschaften um der Freundschaft und des Menschen Willen zu unterhalten und nicht um gut da zu stehen.

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    • Hmmm, da kann ich als Mann (wenn auch nicht als so ein ganz „richtiger“) ja nun ziemlich schwer was dafür oder dagegen sagen…

      Außer, dass ich auch (genügend) Herrenrunden kenne, die nach meinem Empfinden wenig Indiz für echte, tiefe Freundschaft(en) sind.

      Und ich gebe Dir unbesehen darin Recht, dass ein grundsätzlicheres Streben von Frauen, danach „die Beste“ zu sein bzw. sein zu wollen, sein zu „müssen“ und dies beweisen zu müssen, viel mit tradiertem und häufig nach wie vor (vor allem unter Männern) anzutreffendem gesellschaftlichem Positionsverständnis in Bezug auf Frauen und Mädchen zu tun hat.

      Trotz allem denke ich, dass es SO viele oder gar mehr „echte“ Männerfreundschaften nicht gibt. Männer sind tatsächlich anders. Anders als ich sowieso ;), anders als Frauen auch, und, wenn es denn mal drauf ankommen würde, auch noch anders als die Frauen, die „anders“ sind.

      Loriot hat ja mal gesagt: „Frauen und Männer passen einfach nicht zusammen.“

      Wenn wir nun sagen könnten/würden: Frauen und Frauen und Männer und Männer auch nicht – dann könnte das doch ein Anfang sein, oder? 😉 😀

      Liebe Grüße an Dich! (Meine Frau hat übrigens heftig genickt, als ich ihr Deinen Kommentar vorhin vorlas! :yes: )

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