Gedanken

Ich habe schon oft darüber geschrieben, dass ich nie aufhören kann, zu sinnieren, zu denken. Mein Gedankenkarussell gleicht einem Perpetuum Mobile, es steht niemals still.

Gedanken sind etwas zutiefst Faszinierendes, sie sind so ureigen Mensch. Denn der Mensch ist das einzige Lebewesen auf unserem Planeten, das Gedanken zu entwickeln imstande ist. Und das Leben auf unserem Planeten, wie es sich gestaltet, welche Richtungen es einschlägt, welche Wendungen es nimmt, wie gerecht oder ungerecht, wie lebenswert oder lebensunwert es für den Einzelnen oder bestimmte Menschengruppen oder schließlich die Menschheit als Ganzes ist bzw. wird, wird ganz wesentlich ja, am maßgeblichsten durch menschliche Gedanken bestimmt.

Gedanken können eine ungeheure Macht erlangen und entwickeln. Jedoch nur dann, wenn sie materialisiert, wenn sie gegenständlich werden.

Das ist wieder so ein faszinierendes Moment. Gedanken entspringen der Materie, der Materie des menschlichen Gehirns. Selbst aber sind sie, obwohl existent zunächst nicht „greifbar“, weil „nur“ als Idee, als Vision, als Urteil, als Erkenntnis, als Bewusstsein, in uns. Als solches, rein „Ideelles“, vermögen sie allenfalls Einfluss auf uns selbst zu haben.

Erst, wenn sie wieder an Materie gebunden werden, an Sprache, an Schrift, an Musik oder Bilder, und so an andere Menschen, an Adressaten, die sie aufzunehmen imstande sind, gelangen können, vermögen sie auch Wirkung über uns selbst hinaus zu entfalten, auf andere Menschen.

Die Titelzeile eines alten deutschen Volksliedes ist zwiespältig. Sie lautet „Die Gedanken sind frei“.

Solange ein Gedanke nur in uns ist, kann er nicht durch Dritte interpretiert, vereinnahmt, verändert oder verfälscht werden. Insoweit ist er in uns frei. – Zugleich ist er aber auch in uns gefangen, weil er, nicht materialisiert, nicht zu anderen Menschen gelangen kann, nicht zu erklären, nicht aufzuklären, zu bereichern, zu widersprechen imstande ist, es ihm unmöglich ist, unseren Visionen, Urteilen, Erkenntnissen in der Realität Geltung zu verschaffen, sich daran zu messen und günstigstenfalls darin weiter zu entwickeln. –

Und, Gedanken, die Macht erlangen, vermögen andere Gedanken, Gedanken anderer Menschen, unfrei zu machen, unfrei sein zu lassen, auch dann, wenn sie durch diese Menschen durch Sprache, Schrift, Musik, Bilder materialisiert worden sind, gegebenenfalls sogar als Aufschrei.

All das spüre ich sehr intensiv, und dieses Spüren gebiert beständig neue Gedanken.

Dieses Spüren geht aber noch weiter, tiefer. Ich spüre nicht nur, dass mich bisweilen die Macht der Gedanken anderer Menschen oder die Interpretation, Veränderung, Verfälschung meiner Gedanken durch Dritte, meine Gedanken, mich selbst, unfreier machen. Ich spüre auch, dass mich manche eigene Gedanken, solche, die in mir selbst existieren, also in mir selbst frei sind, unfreier machen. Unfreier vor allem mit Blick auf die mich umgebende Gesellschaft, das, was sie ausmacht. Was sie wesentlich ausmacht, so wie ich es auch empfinde, hat Marc Elsberg in seinem Roman „Blackout“, den ich gerade lese, kurz aber treffend beschrieben, inhaltlich so:

Eine Gesellschaft, die vom Geld besessen ist und von Macht, von der Ordnung und der Produktivität und der Effizienz, vom Konsum, von der Unterhaltung und vom Ego und davon, wie sie möglichst viel von allem an sich reißen kann. Für die Menschen nicht mehr zählen, nur Profitmaximierung. Für die Gemeinschaft nur ein Kostenfaktor ist, Umwelt eine Ressource, Effizienz ein Gebet, Ordnung ihr Schrein und das Ego ihr Gebet.

Meine Gedanken teilen zu können, sie dadurch aus mir zu befreien, ist für mich wichtig, sehr wichtig, womöglich lebenswichtig.

Es ist aber nur dann schön und mich selbst befreiend, wenn ich sie in wirkliche Freiheit entlassen kann und darf. In wirklicher Freiheit sind meine Gedanken, wenn sie materialisiert durch meine Sprache, meine Schrift, auf Menschen treffen, die sie respekt- und rücksichtsvoll behandeln, die ihnen zuhören und sachlich auf sie eingehen, ihnen im Zweifel auch ebenso widersprechen. Die mich nicht schon bald mit meinen Gedanken wieder allein lassen. Denn die Befreiung von Gedanken, die ich ureigen nenne, weil sie ICH sind, mein ICH ausmachen und auch in einiger Tiefe charakterisieren, von mir selbst als wesentlich bzw. wichtig empfundener Gedanken, hat viel mit der Vergabe von Vertrauen zu tun.

Und das Schönste, das Höchste für mich ist es, wenn ich solchen Menschen ebenfalls helfen kann, ihre Gedanken zu befreien, in dem ich sie vertrauens-, und rücksichtsvoll mit ihnen zu teilen, sie zu verstehen, weiterzuentwickeln, ihnen in der Realität Geltung zu verschaffen, bemüht bin.

Ich denke, dass, wenn mit Gedanken so oder ähnlich umgegangen wird, sie nicht nur ureigen Mensch, weil eben nur in und aus ihm heraus entstehen könnend, sondern sie viel mehr ureigen menschlich sein bzw. werden können.

Und das halte ich für eine der wichtigsten Herausforderungen, ja Gebote, unserer Zeit, das Entwickeln, Teilen, Verbreiten und Akzeptieren ureigen MENSCHLICHER Gedanken.

Hoffend und bangend, dass es dafür nicht eigentlich schon zu spät ist.

Denn natürlich nehme ich wahr, dass längst nicht nur ureigen menschliche Gedanken entwickelt werden, in einer Gesellschaft, wie unserer, die so, wie etwas weiter oben charakterisiert, existiert. Und das es in einer insoweit bereits „gediehenen“ und zweifellos dominierten Gesellschaft nicht einfach ist und nicht einfacher wird, derartige Gedanken tatsächlich frei werden zu lassen und ihren Stellenwert tatsächlich und immer spürbarer zu erhöhen.

Aber, wenn stimmt, was Marcus Aurelius in den Satz: „Unser Leben ist das Produkt unserer Gedanken.“, gekleidet hat, dann muss diese Befreiung erfolgen, so schnell als möglich.

Während ich das so schreibe, kommt mir das so plakativ, so appellativisch, vor. So meine ich es gar nicht. Es ist vielmehr der tiefe innere Wunsch nach so einer Befreiung, der in mir ist, der sich in diesen Zeilen spiegelt. Und auch, wenn das egoistisch klingt, vor allem auch nach Befreiung meiner selbst.

Ein paar Menschen sind sehr bemüht, mir dabei zu helfen, bei meiner eigenen so schwierigen Befreiung und immer wieder auch der, jener wichtigen Gedanken. – Menschen, die das dadurch tun, dass sie entsprechende Gedanken mit mir teilen und an meiner Seite bleiben, mich fortgesetzt begleiten mögen, auch wenn ich ihnen das wahrlich nicht leicht mache.

Meine menschlichsten Gedanken, sind die an jene Menschen …

7 Gedanken zu “Gedanken

  1. Lieber Schweitzer

    Ein Thema, für das TAO, soferne ich es richtig verstehe, eine Lösung hat.
    Doch die Betonung liegt auf „soferne ich es richtig verstehe“.
    Befasse ich mich ja erst recht kurz damit, und ist die Frage „und wie geht das?“ in vollem Umfang vorhanden.

    Was Du über die Macht der Gedanken anderer Menschen sagst, wie diese spürbar „überspringt“ und einem selbst belastet und unfreiwillig, allermeistens negativ, verändert, und dadurch den eigenen ihre Freiheit nimmt….kenne ich nur zu gut.

    Und genau deshalb sind in meinem Leben ein Grossteil von Bekanntschaften und auch Freundschaften zerbrochen bzw. ich habe mich von ihnen distanziert, weil ich sie nicht mehr „ausgehalten“ habe.

    Wie schon gesagt, Schweitzer, ein äusserst schwierig zu lösendes Problem, wenn man nicht zum Eremiten geboren ist.

    sei herzlich gegrüsst
    Deine Michi

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    • Nein, zum Eremiten bin ich nicht geboren. Aber ich habe oft dss Bedürfnis, mich zurück zu ziehen, weit öfter als früher. Ich weiß noch nicht, ob das gut für mich ist …

      Ich habe andererseits auch häufiger als früher Sorge anderen, auch mir lieben Menschen, zu sehr Last zu werden. Das ist freilich das Letzte, was ich beabsichtige.

      Ein schwieriges Thema ist es allemal, es beschäftigt mich schon lange ziemlich intensiv. Genau deshalb habe ich hier und heute mal meinen „Stand“ zu dem Thema aufgeschrieben. Ich komme bestimmt irgendwann wieder darauf zurück, denn ich bin längst noch nicht „fertig“ damit.

      Dir scheint es ähnlich zu gehen, und ich würde zu gegebener Zeit gern erfahren, was Deine weiteren Gedanken (sic!) zu diesem Thema sind.

      Vielen lieben Dank für Deinen Kommentar und nur allerschönste Grüße an Dich, liebe Michelle!

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      • Lieber Schweitzer

        Meine weiteren Gedanken dieses Thema betreffend sind, dass ich mich nur noch mit Menschen umgebe und abgebe, die mir guttun.
        Spüre ich, dass ich mich in ihrer Nähe nicht oder nicht mehr wohl fühle, dann breche ich die Beziehung ab.
        Denn sobald mich die Macht ihrer Gedanken beginnt zu beeinflussen, dann macht sich das durch innere Nervosität, und plötzlicher Abfall meiner Konzentration und Aufmerksamkeit sofort bemerkbar.
        Dann gehe ich und komme nicht mehr zurück.
        Das betrifft nicht nur mein reales Leben, sondern genauso die Menschen hier im Blog.

        Ich wünsche Dir einen noch schönen Sonntag Abend, Schweitzer
        Deine Michi

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        • Das, was Du da praktizierst, macht einen großen Teil dessen aus, was mir in den Therapien in der Klinik als große Schwäche offenkundig geworden ist: Ich vermag mich viel zu wenig und nicht konsequent genug abzugrenzen.

          Wenn Du das in entsprechenden Fällen schaffst, ist das nur gut, richtig und wichtig für Dich, und Du bist insoweit wahrscheinlich schon ein ganzes Stück weiter als ich.

          Ich kann und sollte von Dir lernen…

          Danke für Deinen freundlichen Wunsch, liebe Michelle, meiner für Dich steht in Deinem Blog 😉 :yes:

          Schlaf schön!

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  2. Lieber Schweitzer,
    bitte denke nicht, dass ich nicht mehr mitlese. Im Moment ist es nur etwas stressig bei mir und daher schaff ich es kaum einen Kommentar zu hinterlassen. ):

    Vielleicht sind Gedanken manchmal ziemlich nervig. Genau so aber auch mächtig. Ich kann nur sagen, dass du wundervolle Gedanken hast, die du hier immer wieder äußerst und somit frei machst und materalisierst. Ich lese diese sehr gerne, sie regen mich immer zu sehr vielen eigenen Gedanken an.

    Die besten Grüße an dich!

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    • Ich weiß, dass Du mitliest, liebe Ines. Und es ist nur zu natürlich und verständlich, dass Du momentan mit vielem anderen zu tun hast. So ein Umzug, ich wäre da wahrscheinlich ein paar Wochen vor- und hinterher lebensuntüchtig … – davon ist bei Dir nichts zu spüren!

      Danke für das liebe Kompliment!

      Schönste Grüße, liebe Ines!

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