Tagebuchseite -418-

Eine wohl etwas besondere Liebeserklärung

Manche sind dick, geradezu übergewichtig, andere schlank wie Gerten und biegsam gar. Einige tragen schrille bunte Gewänder, manche sind in Leinen gekleidet, etliche präsentieren sich in sehr schlichter Hülle. Es gibt ältere und jüngere, große, mittelgroße, kleine, und manche bilden eine Familie, sind zu zweit, zu dritt, zu fünft. Und mitunter bilden mehrere Familien eine Art Clan. Sie gehören zusammen.

Das Beste an ihnen ist, dass sie alle mit mir sprechen wollen. Ganz ohne aufdringlich zu sein und ohne sich zu verstellen. Sie sind alle eine Einladung und bereit, mir ganz authentisch ihre Geschichten zu erzählen. Das ist der Sinn ihres Daseins. Das macht ihre Existenz, ihr Leben aus. Sie möchten mir erzählen, möchten, dass ich reflektiere, nachdenke, dass ich frage, weiterfrage. Sie oder andere ihrer Art. Die mir, ohne, dass es eines Vertrauensvorschusses meinerseits bedarf, bereitwillig all ihre Seiten zeigen. Auch wieder und wieder, wenn ich das möchte.

Sie zeigen mir die Welt, erklären sie mir, mal mehr aus subjektiver Sicht, mal so objektiv, wie es der Zeitgeist und der jeweils aktuelle Wissensstand gerade ermöglichen. Viele von ihnen haben das Zeug, mir wichtige Freunde zu werden, zu sein und zu bleiben.

Sie verstellen sich nie. Sie sind was und wie sie sind. Im Ergebnis dessen mag ich manche sehr, andere kaum, nur vereinzelte gar nicht. Aber das ist nicht so wichtig, sie selbst nehmen mir das eine wie das andere nicht krumm. Unser Verhältnis zueinander ist sehr generell von tiefem, aufrichtigem Respekt geprägt. Ich lasse sie „sie“ sein und sie lassen mich „Ich“ sein. Wobei mir etliche behilflich sind, mein „ich“ immer wieder neu zu erkennen und es weiter zu entwickeln. Sogar jene, die ich weniger oder gar nicht zu mögen vermag.

Ich darf sie berühren, sanft zu ihnen sein, das gefällt ihnen. Wenn sie mich ansehen, schenkt mir das Ruhe, Halt, Freude. Sie erwarten nichts von mir, aber sie sind alle bereit, mir zu geben, von sich. Und jenen, die das dann tatsächlich tun, würde ich meinerseits sehr gern etwas schenken. Von mir. Das aber ist nicht so einfach …

Dort wo nicht so viele von ihnen beieinander sind, fühle ich mich wie auf einem Dorf, in dem ich gern verweilen möchte, dort, wo viele, viele Tausende von ihnen sind, ist es für mich wie in der sympathischsten, spannendsten, interessantesten Stadt, die meine Fantasie zu gebären vermag. Dort, wo viele von ihnen beisammen sind, ist es vielfältiger, ist es bunter, gibt es mehr zu entdecken.

Und egal, wie verschieden ihr äußeres Erscheinungsbild ist, wie unterschiedlich ihre Geschichten, ihre Meinungen und Auffassungen sind, wie skurril, bizarr oder auch verstörend manche ihrer Seiten – sie tun einander nicht weh, sie respektieren sich. Dort wo sie beieinander sind, herrscht sehr grundsätzlich eine ruhige, eine friedliche Atmosphäre.

Nur wenige von ihnen sprechen in einer Sprache mit mir, die ich ablehne oder gar verabscheue, verkünden Hässlichkeiten oder rufen gar dazu auf.

Menschen könnten viel von ihnen lernen, sehr viel. Wenn Menschen so wären wie die allermeisten von ihnen, wäre die Welt wohl um einiges schöner, besser, menschlicher.

Da ist es doch paradox, dass sie alle von Menschen erschaffen worden sind:

Die Bücher.

Auf vieles im Leben kann und könnte ich verzichten. Nie aber auf Bücher. Hätte ich irgendwann keinen Zugang mehr zu ihnen, wäre das für mich gleichbedeutend mit einem der größten Verluste an Lebensqualität überhaupt.

Sie sind kein „Ersatz“ für Menschen, die jedes Leben, die mein Leben, unbedingt braucht, um Leben zu sein. Niemand kann nur von oder mit Büchern leben. Aber sie sind einer der nächsten, unmittelbar wichtigsten Faktoren für ein erfülltes Leben, finde ich. Weil sie selbst Mitteilung sind, die Botschaft des sich Mitteilens und als Folge dessen, des sich miteinander Austauschens in sich tragen. Sie regen in dieser Weise an, neugierig und auf der Suche zu bleiben, nach anderen Büchern, nach anderen Menschen, nach sich selbst.

Sie verkörpern das Gegenstück zu Einsamkeit und sie sind so ungemein bereichernd.

Wohl deshalb liebe ich sie so.

8 Antworten zu “Tagebuchseite -418-

  1. Da hast Du wieder einmal schöne Worte gefunden, für etwas, was andere lediglich „Hobby“ nennen würden 😉

    Ich lese auch gern, aber derzeit nicht viel, weil ich lieber draußen in der Natur bin 😉
    (Die Ofen-Hocker-Zeit kommt noch)

    Liebe Grüße
    Bärlinerin

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  2. Die wohl schönste Liebeserklärung, die ich seit langem gehört habe. Einfach herrlich zu lesen. Wunderschöne, bezaubernde Worte hast du gefunden.
    Ich kann dieser Liebeserklärung nur beipflichten. Bücher sind etwas ganz besonders, etwas ganz wunderbares, was auch ich niemals missen möchte.

    Wenn ich meine Liebe an diese schönen Dinge beschreiben sollte, hätte ich mir deine zauberhaften Worte leihen müssen – besser hätte es keiner beschreiben können.

    Liebe Grüße
    und viel Zeit zum Lesen wünsche ich dir
    Ines

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    • Solche Kommentare wie dieser von Dir, machen mich ganz schwach, verlegen … – so viele und so schöne Superlative… – Am meisten freut mich daran, dass Du Dich offenkundig in meinem Empfinden, was die Bücher, das Lesen, angeht sehr wiedergefunden hast.

      Danke für Deine wundervollen Worte, für dieses große Kompliment!

      Dir auch viel Lesenszeit, liebe Ines, und schönste Grüße!

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  3. Herzergreifender Text!
    Ich persönlich finde Bücher ja auch gerade deshalb so toll, weil sie einen teilweise so viel besser verstehen als manche Menschen und immer eine gewisse Ruhe ausstrahlen… Das kann man in der heutigen, extrem stressigen Zeit wirklich gut gebrauchen!

    Liebe Grüße von Tintenschätze!

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  4. Dankeschön für Dein großes Lob!

    Das hast Du schön zum Ausdruck gebracht, den Eindruck, dass Bücher einen teilweise so viel besser verstehen als manche Menschen.

    Vor gut zwei Jahren habe ich, durch einen etwas „heiklen“ Aphorismus angeregt, mal einen kleinen Aufsatz geschrieben, in dem geht es um das Verhältnis zu Büchern und seinen Einfluss auf das Verhältnis zu Menschen.

    Vielleicht interessiert Dich das ja auch – hier ist es zu finden:

    http://schweitzer.blog.de/2012/09/30/gedanken-aphorismen-14920378/

    An Dich auch liebe Grüße, schön, dass Du hier warst! :yes:

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  5. Ein wunderschöner Text, der Bücher und das Lesen wirklich gut beschreibt! Ich finde es berührend, wie du deine Beziehung zu den Büchern miteingebracht hast, denn sie sind schließlich der Grundstein für unsere Leidenschaft zum Schreiben! Ein wirklich schöner Text!

    Gefällt 1 Person

    • Oh, Dankeschön – das sind sehr wertschätzende Worte. Du hast „bei Dir drüben“ aber ja auch sehr schön über Bücher und warum sie Dir soviel bedeuten geschrieben.

      Viele liebe Grüße an Dich!

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