Tagebuchseite -203-

Lebensschaukel und der Wunsch, ein Vogel zu sein

Es gibt so Phasen im Leben, die sind mit Dingen angefüllt, die keine großen Weichenstellungen ausmachen, die nicht eigentlich folgenschwer oder von besonders grundsätzlicher Bedeutung für das weitere eigene Leben sind. Es sind Dinge, die im weitesten Sinne den Alltag ausmachen, die mit dem einen oder anderen „Extra“ angereichert, und in der Summe dann doch überwältigend, sehr in Beschlag nehmend, sind.

Vor allem die vergangene Woche war für mich so eine Lebensphase. In deren Ergebnis war manches schön, aber sie hat mich auch auf besondere und irgendwie seltsame Weise viel Kraft gekostet. Und, so scheint es, die „Beschleunigung“ lässt nur langsam nach, zumindest der Arbeitsbeginn heute Morgen war schon wieder auf eigene Weise „überwältigend“.

Einiges von dem, was im Ergebnis der letzten Woche schön war, will ich denn aber doch festhalten auf dieser Tagebuchseite, allein deshalb weil es so ganz verschiedene Dinge unterschiedlicher Tragweite und Bedeutung gewesen sind:

Wir haben nun wieder eine funktionierende Telefonverbindung. Alles, was im Zusammenhang mit dem Anbieterwechsel nach von mir mit großer Mühe realisierter Installation in verschiedenen Variationen bis zu meiner fast völligen Verzweiflung nicht funktionierte, war nicht mein Verschulden. Es stellte sich nach unzähligen Anrufen, „technischen Supports“ usw. heraus, dass unser gerade einmal ein Jahr „altes“ Telefon mit der vermaledeiten Voicebox nicht kompatibel ist.

Also schleppten wir schließlich nach zwei enervierenden Tagen den ganzen Krempel wieder zurück zum Händler und bekamen dann ein Telefon direkt vom Anbieter. Kein einziges (!) Kabel zusätzlich erforderlich und funktioniert tadellos (bis auf die Mailboxfunktion … – da müssen wir sehen, ob das noch hinzubekommen ist).
Wermutstropfen: Wir haben nun unser erst im vorigen Jahr gekauftes Telefon „übrig“.

Seit Freitagnachmittag haben wir ein neues Auto. Unseren „ujko“ haben wir (ob seiner langjährigen Treue und Zuverlässigkeit durchaus mit einem weinenden Auge) dem Händler überlassen und noch einen Satz neue Winterräder mit zum neuen Gefährt bekommen.– 11 Monate jung ist der Neue, und ich denke, wir haben ihn schließlich zu einem guten Preis bekommen. Dennoch stockt mir bei soviel Geld immer noch ein bisschen der Atem, es ist doch eine große Ausgabe, man muss eine ganze Weile dafür arbeiten …

Gestern war nun erste längere Fahrt, für meine Frau auch zum Gewöhnen an das neue Auto und die zahlreichen neuen technischen Dinge, und um ein Gefühl zu bekommen, etwa, wie die Abmessungen des neuen Gefährts so von innen wirken, vor allem, wenn man einen relativ engen Parkplatz, wie den, der uns seitlich von unserem Block zur Verfügung steht, benutzen muss.

Immerhin, die Fahrt war selbst für mein regelmäßig übernervöses und -ängstliches Empfinden recht schön, und der Besuch bei meinem Vater, den wir mit der Ausfahrt verbunden hatten, auch.

Ja, meinen Vater zu erleben, gehörte zweifellos auch zum Schönen im Ergebnis der letzten Woche. – Er wohnt nun seit einem Jahr in seiner neuen Wohnung in jener Kleinstadt in der auch meine Schwester daheim ist. Und er hat sich wahrlich eingelebt. Seine Tage sind ausgefüllt – an sechs Tagen die Woche ist er irgendwie bei anderen Leuten zu Gast oder mit ihnen unterwegs. Er besucht Konzerte in kleinen Dorfkirchen, geht zu Geburtstagsfeiern, er macht ausgedehnte Spaziergänge, besucht seinen älteren Bruder, wird eingeladen und lädt auch ein. Und immer noch besorgt er seinen Haushalt ganz allein. Wäscht, bügelt, kauft ein, hält alles in Ordnung. Will das auch alles ausdrücklich allein besorgen. Und liest immer noch unglaublich viel. Er ist jetzt 84 …!

Zum Schönen gehörten weiterhin Briefe und Nachrichten, die ich bekam, die mir soviel Empathie bekundeten, wie ich es nur selten erlebt habe. Die mich (mal wieder) sprachlos gemacht und mich zutiefst emotional berührt haben. Und, dass „mein Schwesterle“ neuerlich, als wenn wieder ein telepathischer Sensor ihr den exakt besten Moment angezeigt hätte, nur kurz, aber wie gehabt mit einer wunderbaren virtuellen Umarmung „aufgetaucht“ ist.

Dann war da wieder die eine Sache, die mich, mein Inneres zum wiederholten Male sehr angegriffen und mitgenommen hat. Ob diese Sache jemals noch eine gute Wendung, eine nicht so quälende, nehmen wird? Nach einigem neuerlichen Hin und Her hoffe ich wieder, hoffe ich nun erneut, und, ja, mit mehr Hoffnung als in den letzten Wochen, dass sie sich im Nachhinein, mit der Zeit (!) noch als irgendwann und irgendwie „schön“ herausstellen wird. Dass endlich der Wille eines Menschen dafür und in diesem Sinne stark und kontinuierlich genug sein wird. Mehr kann und möchte ich dazu hier nicht schreiben – mein Tagebuch und ich wissen, um was und wen es geht.

Es gäbe noch so ein paar Kleinigkeiten, meine Sachberichte für das letzte Arbeitsjahr habe ich fertig, mit dem Bübchen habe ich einen Sieg unserer Handballfrauen bejubeln können … – aber, wie eingangs schon gesagt – ich spüre auch eine ganz schöne Kraftlosigkeit.

Und auf Arbeit geht es weiter „zur Sache“. Die Probleme, mit denen Klienten zu mir kommen, werden immer vertrackter. Verzwickteste Fälle aus allen irgendwie nur vorstellbaren Lebensbereichen, und Etliches ist bedeutungsschwer, für das weitere Leben dieser Menschen. Und ich bin mittlerweile so dünnhäutig …:

Morgen kommt jemand, dem eine Räumungsklage droht, dem das Jobcenter nichts mehr zahlt. Er hat wohl versucht, zwei Monate lang in Hamburg eine Arbeit zu finden, hat sich bei der Arbeitsverwaltung aber nicht „abgemeldet“. Mit dem Job in Hamburg hat es nicht geklappt. Jetzt ist er zurück und sein Leben beginnt zu zerbröseln …

Im Verlaufe der Woche, wird mich ein Flüchtling aus Dagestan aufsuchen, krank, aber nach vielen vielen Jahren einschließlich seiner Familie immer noch ohne Aufenthaltsperspektive und Arbeitsgenehmigung. (Immerhin habe ich voriges Jahr helfen können, dass die Familie nach fast 8 Jahren (!) aus der Gemeinschaftsunterkunft in eine kleine Wohnung ziehen durfte).

Heute früh war ein alter Mann, fast ohne Deutschkenntnisse da, dessen Computer offenbar von einem kriminellen Virus verbunden mit einer dubiosen Zahlungsaufforderung befallen worden ist. Und so weiter, und so weiter – ich könnte noch lange so weiter schreiben …

Manchmal kommt es mir vor als sei das Erleben des Lebens, des eigenen, einschließlich dessen, was zu ihm kommt und es fortan mit ausmacht, wie das Sitzen auf einer Schaukel. Es schleudert mich nach oben und unten, manchmal in sehr atemberaubender Geschwindigkeit. (So habe ich die vergangene Woche empfunden.) Deshalb und wegen dem ständigen Auf und Ab habe ich zumeist ein mulmiges Gefühl im Magen. Die Reisen in die Tiefe zur Talsohle der Lebensschaukel und das wieder empor Klimmen daraus beanspruchen viel mehr Zeit als das Verweilen auf den Höhen der Schaukelbewegung.

Wenn ich es nur vermöchte, dann würde ich, einmal eine solche Höhe erreicht habend, einfach ein Vogel sein und (loslassend) losfliegen wollen. Um einmal länger so „oben“ zu sein. Und ein bisschen „oben“ zu bleiben. Wenn ich ein Vogel wäre, hätte ich ja keine Höhenangst. Vielleicht hätte ich dann gar keine Ängste mehr …

2 Gedanken zu “Tagebuchseite -203-

  1. Als ich vergangenen Sommer das Heranwachsen einer frisch geschlüpften Taube miterleben durfte, war ich zufällig auch bei den ersten Flugversuchen dabei. Und die Überwindung, von der Balkonbrüstung erstmals aufs gegenüberliegende Hausdach den lockenden Eltern nachzufliegen, dürfte wohl riesengroß gewesen sein. Ich tippe daher auf Höhenangst auch bei Jungvogerln vor dem ersten Flug sowie bei den folgenden, noch zaghaften Übungsflügen – danach ist ihnen die Freude am Fliegen aber regelrecht anzusehen.

    Ich fliege auch, im Geiste immer wieder; mein Kopf ist draußen häufig nach oben gerichtet, die Stolpergefahr am Boden daher immer gegeben, während ich mich gedanklich immer weiter himmelwärts schraube. Doch auf eine Leiter zu steigen, ist jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung. Und obwohl ich Berge liebe und sie gerne erklimme, bleibt der Blick in die Schluchten weiterhin ein ziemliches Wagnis. Aber schön isses trotz dieser Angst, die einen ständig begleitet und dadurch auch bisserl die Risikobereitschaft einbremst, was manchmal allerdings eh von Vorteil sein kann.

    Womit ich zum Auto komme (Risiko, bremsen und so). Gratulation zur Neuanschaffung und ein mitfühlendes Winkewinke Richtung altes Gefährt. Möge das neue euch allzeit sicher überall hin bringen und insofern Freude bereiten, als es ja mit zunehmender Kilometeranzahl auch ein Stück Heimat wird, das man mitnimmt und das die Fremde eventuell weniger fremd wirken lässt.

    Und für den heutigen Tag gutes Gelingen und natürlich auch ein paar Lichtblicke der besonderen Art …

    Liken

    • Einen solchen Lichtblick hatte ich gerade:

      In Gestalt Deines Kommentars!

      Dankeschön dafür sowie für Dein Mitgefühl für unser altes und die guten Wünsche für unser neues Auto und unsere Fahrten damit.

      Liebe Grüße!

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s