Schönheit

Über Schönheit ist schon viel, sehr viel geschrieben und gesagt worden. Und dazu gehört nach meiner Erfahrung auch, dass immer wieder davon die Rede ist, das Schönheit, wie so vieles, was uns Menschen begegnet, etwas Relatives ist, von dem einen so, von dem anderen anders empfunden wird.

Manche meinen sogar, das Schönheitsempfinden besonders subjektiv geprägt sei. Und es soll auch jene geben, die der Auffassung sind, dass es Schönheit an sich gar nicht gäbe, dass es vielmehr immer mehrere Eigenschaften, einer Sache, einer Person wären, die in ihrer Summe, ihrer Kombination Schönheit ausmachen würden.

Beides scheint mir, wahr zu sein, egal worauf sich Schönheit bezieht. Und die Bezüge können sehr vielfältig sein. Schönheit kann sich auf ein Erlebnis beziehen, auf eine Person oder auf ein Ding, eine Sache. Aber Schönheit hat immer mit Gefühlen, mit Emotionen, mit Empfindungen zu tun. Wenn ich etwas als schön empfinde, dann ist das mit positiven Emotionen, mit Glücksgefühl verbunden. – Wenn ein solches Empfinden nur sehr momentan ist, und mir in einer Zeit zuteil wird, die mir an sich schwer ist, die ansonsten eher von negativen Erlebnissen und Emotionen geprägt ist, dann kann mich das beinah zerreißen. Der Gegensatz ist dann in seiner ganzen Größe so ungemein gegenwärtig, das kann für mich bisweilen buchstäblich überwältigend sein.

Was mich ganz persönlich angeht, so empfinde ich Schönheit besonders in Bezug auf Begegnungen mit und in der Natur, mit Musik, mit Geschriebenem und Gezeichnetem oder Fotografiertem, beim Genuss von Speisen und Getränken und, allerdings insgesamt viel seltener, in Bezug auf Menschen.

Die Natur ist für mich am ehesten an sich, als solche, schön. –

Schon kürzeste Begegnungen, auch nur mit Details, einer schlichten Blume, einer kleinen Schnecke, einem Blick auf eine Landschaft, das Erleben einer Wettererscheinung, vermögen mich wahrsten Sinne des Wortes in Bann zu ziehen und gute, positive Emotionen in mir auszulösen. Diese kurzen Begegnungen sind schön, weil was aus der Natur zu mir spricht, schön ist. Und sie sind in ihrer Summe gut und wichtig, „erden“ micht immer aufs Neue. Aber nachhaltig(er) werden die gute Empfindung und die Fähigkeit, sich entsprechende Erinnerungen in schweren Zeiten vergegenwärtigen zu können, vor allem, wenn meine Begegnungen mit der Natur von längerer Dauer und intensiver, vielfältiger auch, sein können. – Dafür raubt der Alltag freilich allzu oft die notwendige Zeit.

Musik kann ich, allerdings sehr abhängig von Stil und Richtung, überaus intensiv und sehr tiefgehend als schön empfinden. Dieses Empfinden kann bei instrumentalen Stücken geschehen (vor allem bei melodiebetonten Richtungen von so geannter Electronic- bzw. New-Age-Musik, aber auch bei einigen Stücken klassischer Musik) wie auch bei solchen, die mit Gesang verbunden sind (vor allem, aber keineswegs ausschließlich, bestimmte Rock- und Popballaden, oft auch bei Liedern unterschiedlicher Stilrichtungen mit deutschen Texten, aber auch bei der einen oder anderen Musik, die zu einer Richtung gehört, die ich sonst keineswegs viel hören mag). Und es kann bisweilen fast schmerzhaft schön sein. –

Ich stelle mir oft den- oder diejenigen vor, die eine solche Musik komponiert und arrangiert haben – auch diejenigen, die sie interpretieren. Würden sie so gefühlt haben oder fühlen wie ich, wären sie wohl gar nicht imstande, eine solche Musik zu schreiben oder zu Gehör zu bringen. Ich könnte es jedenfalls vor Überwältigung nicht. – So schön kann Musik für mich sein! Welch eine Macht haben Menschen, die durch Musik derartige Emotionen auszulösen vermögen!

Über das, was Geschriebenes in mir auszulösen vermag, habe ich hier vor einiger Zeit schon einmal in einer Sentenz (Lesen und Schreiben) etwas zu Papier gebracht. Ein Umgang mit Schriftsprache, der in mir Bilder entstehen, mich etwas tatsächlich in und durch diese Bilder empfinden lässt, gehört für mich zum Schönsten überhaupt. Ebenso wie ein gepflegter Umgang mit Sprache an sich, das Bemühen um veriablen, einer Situation bzw. Person angemessenen Ausdruck.

So ähnlich geht es mir mit Bildern – solchen, in die ich eintauchen kann (Landschaften), die mich einladen, in ihnen, obwohl durch Zeichnung, Malerei oder Fotografie längst „fest“gehalten immer Neues zu entdecken oder solchen, in denen ich „lesen“ kann (Porträts, Gesichter), faszinieren mich, lassen mich Schönheit empfinden.

Schönheitsempfinden hat für mich sehr stark mit sinnlicher Erfahrung zu tun.
Und „Schmecken“ ist eine der sinnlichsten Erfahrungen überhaupt. Wenn mir etwas gut schmeckt, dann ist das für mich schön, im Moment der Erfahrung, in der Erinnerung und auch als Vorfreude. – Dabei ist dieses Empfinden keineswegs an die Exklusivität jeweiliger Speisen oder Getränke gebunden. Mir kann ein einfaches Stück frisch gebackenes Brot ebenso großen, schönen Genuss verschaffen, wie eine schlichte Pellkartoffel mit frischem Kräuterquark.

Wann aber sind Menschen für mich schön? – Das ist eine sehr schwierige Frage.

Sie sind es jedenfalls nicht, wenn sie „nur“ hübsch sind.

Ich wäre allerdings unehrlich, wenn ich behaupten würde, dass etwa ein hübsches Mädchen oder eine hübsche Frau in mir keinerlei positive Emotionen auslösen und ich dieses Empfinden nicht auch bereits als schön wahrnehmen würde. – Früher mehr, heute aber bisweilen auch noch, war und ist es genau das, was im Zweifel erst einmal „Schmetterlinge im Bauch“ verursacht.

Aber Schmetterlinge waren und sind mir schlicht weg zu flatterhaft und zu flüchtig als dass ich ihnen allzu sehr zu trauen oder gar zu vertrauen, in Gefahr bin. „Hübsch“ meint schlussendlich lediglich die Ästhetik des Äußeren. Was in diesem Sinne als „schön“ empfunden wird, weicht im Übrigen im Empfinden von Mensch zu Mensch bisweilen sehr voneinander ab (was ja auch gut so ist).

Noch viel mehr als bei Sachen und Dingen, macht für mich freilich die Summe bestimmter Eigenschaften die „Schönheit“ eines Menschen aus. Jemand, den ich meinen Freund oder meine Freundin nenne, muss in diesem Sinne „schön“ sein, was gerade nicht bedeutet, der er oder sie perfekt, makellos zu sein hätte. Auch manche Makel und Unzulänglichkeiten können „schön“ sein, empfinde ich als schön. – Dennoch, meine Maßstäbe, an die „Schönheit“ eines Menschen sind wohl besonders hohe oder womöglich auch „nur“ eine besonders „skurrile“ Kombination verschiedener Eigenschaften.

Sonst hätte ich wohl nicht so wenige Freunde. – Dennoch sind diese Freunde als Menschen durchaus auch sehr unterschiedlich. Sie sind auf verschiedene Weise schön. Das spricht in meinen Augen dafür, dass meine Maßstäbe keine starren sind. – Trotzdem, sind es kaum eine Handvoll Menschen, die ich meine Freunde zu nennen vermag. Ich schwanke darüber bisweilen, zwischen Traurigkeit, dass es doch so wenige sind, und Freude und Stolz, sie immerhin zu haben.

Aber vielleicht ist das ja gut und richtig so. Schönheit im Übermaß würde am Ende wohl überdrüssig machen, ewige Schönheit in Langeweile münden.

Schönheit erleben zu dürfen, ist und bleibt wohl besser immer etwas Besonderes. Und somit auch, wirkliche Freunde zu haben.

9 Gedanken zu “Schönheit

  1. Das sind sehr schöne und viele Gedanken..
    Was die Schönheit von Freunden betrifft stimme ich dir zu-meine eine Freundin ist für mich schön weil sie mich immer zum Lachen bringt, eine andere ist schön, weil wir gemeinsame Interessen haben und ein Freunde von mir ist für mich schön, weil ich mit ihm einfach über ganz anderes reden kann als mit meinen Freundinnen.

    Ich glaube, dass es von dem Charakter und Geschmack eines Menschen abhängt und davon was für ihn wichtig ist, was er schön findet….

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  2. Sehr wahre Gedanken (endlich habe ich die Zeit gefunden, mir deinen Post in einem ruhigen Moment durchzulesen). Bin da absolut deiner Meinung, Schönheit ist etwas durch und durch subjektives, unvergleichbar mit der oberflächlichen Äußerung von „hübsch“ – wirklich ein gut geschriebener, inspirierender Post!

    Liebe Grüße,
    Linn

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    • Dankeschön für Dein großes Lob. – Ja, ich denke auch, das unser Verständnis von Schönheit sehr beieinander liegt. – Vor ein paar Tagen, sind mir noch Verse zu dem Thema eingefallen (siehe unter „Verse -39 -„), und die waren übrigens gar nicht so wenig, von den Gedanken in Deinem Blog inspiriert …

      Dir auch liebe Grüße, Linn!

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  3. Dieser Beitrag über Schönheit war selbst so schön, so sinnlich geschrieben. Ich mag deine Auffassung sehr.

    Dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt, finde ich absolut. Ich sagte ja bereits in meinem eigenen Kommentar, dass ich meine Freunde und Menschen die ich liebe nur schön finden kann! Genauso kann ein objektiv schöner Mensch für mich überaus hässlich erscheinen, wenn sein Charakter ein schlechter ist.

    Danke für das Teilen dieses so schönen Beitrages, lieber sternfluesterer. Ich kenne dich ja inzwischen insoweit, dass ich deinen Charakter zu kennen glaube. Und deine innere Schönheit (die äußere kenne ich ja gar nicht) strahlt so hell wie die Sonne!

    Liebe Grüße! ❤️

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    • Jetzt bin ich wirklich ganz schön verlegen. So etwas hat mir noch nie jemand gesagt oder geschrieben, liebe Mia … – Dankeschön für diese so unglaublich wertschätzenden Worte!

      Ich hatte ja geahnt, dass Du meinen Gedanken zum Thema Schönheit wohl sehr weitgehend folgen können würdest. Nun hast Du es bestätigt, und das schenkt mir sehr viel. Einen Menschen kennen und ihm Freund sein zu dürfen, der so wichtige Wertauffassungen teilt, ist eine unglaubliche Unterstützung, ein unglaublicher Halt. Und es schenkt Lebensmut. – ich bin Dir so unendlich dankbar dafür, liebe Mia.

      Herzensgrüße an Dich! ❤

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  4. Hallo lieber sternenfluesterer,

    nochmal vielen Dank für deine Verweise auf deine Beträge. Ich habe es sehr genossen, alle zu lesen.

    Hier finde ich sehr interessant, wie du vor allem am Anfang auf Schönheit in nicht menschlicher Form eingehst, die meiner Meinung nach eigentlich zu wenig besprochen wird. Ich kann dieses Gefühl vor allem bei der Musik sehr gut nachvollziehen. Es gibt einige Lieder, die für mich persönlich so viel Schönheit ausstrahlen, dass es schon fast schmerzt.
    Ich höre solche Lieder dann aber nicht so wie alltägliche Musik, sondern eher selten bei „besonderen“ Anlässen. Ich glaube, dass solche Musik durch Alltagsbanalität möglicherweise an Schönheit verlieren kann. Trotzdem fällt diese Entscheidung solche Lieder nicht alltäglich zu hören immer unbewusst.

    Was du über Schönheit von Menschen schreibst, die du als Person sehr schätzt, kann ich ebenfalls seht gut nachvollziehen. Bei mir ist es so, dass ich das Äußere von Personen, die ich mag, automatisch attraktiver finde und Personen, die mir nicht sonderlich sympathisch sind, äußerlich automatisch etwas unattraktiver finde. Egal wie sie unabhängig von ihrem Inneren aussehen.

    Letztens habe ich mich über das Thema auch mit einer Freundin unterhalten, die meinte dass es natürlich ist, manche Dinge schön und manche hässlich zu finden. Aber ich bin mir unsicher, ob so etwas tatsächlich in der Natur des Menschen verankert sein muss oder ob Schönheit nicht einfach ein Gesellschaftskonstrukt ist. Und seit dem denke ich die ganze Zeit darüber nach und weiß nicht, ob ich das so unterschreiben kann. Das nur als kleinen Denkanstoß:)

    Viele liebe Grüße und noch einen schönen (im wahrsten Sinne des Wortes) Abend

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    • Das klingt jetzt sehr salomonisch, aber ich glaube wirklich, dass es beides ist.

      Ich gehe davon aus, dass dem Menschen Anlagen für ästhetisches Empfinden innewohnen, demzufolge also auch dafür, etwas als nicht so ästhetisch, nicht so „schön“ bis hin zum „abscheulich“ wahrzunehmen. Allerdings, und das wird dann schon oft übersehen, beschränkt sich diese Anlage nicht nur oder gar ausschließlich auf „äußerliche“ auf sogleich sichtbare Momente, sondern auch auf Stimmungen, Geräusche, Erscheinungen, Charaktere, etc. Insoweit ist diese Anlage wichtig, weil sie zugleich auch eine gewisse Schutzfunktion begründet.

      Der andere Aspeklt, den Du genannt hast, ist freilich auch sehr bedeutend und hat in der neueren Zeit meiner Meinung nach insgesamt einen immer mehr zunehmenden Stellenwert erlangt. Schönheitsideale sind sehr stark und immer stärker das Ergebnis der Widerspiegelung gesellschaftlicher Werttvorstellungen. Und die sind im Wandel. In jüngster Zeit werden sie zunehmend suggeriert, durch die Werbeindustrie, durch Gewinnmaximierungsstraegien, durch das Anwachsen von Nationalismen und Egoismen und vieles andere mehr.

      Vielen, ganz lieben Dank für Dein ausführliches Feedback und Deine Anregung zum Weiterdenken, liebe A.

      Liebe Grüße auch noch einmal von dieser Stelle!

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