Neid

Neid gilt als überwiegend negative Eigenschaft.

Psychologen gehen so weit zu sagen, dass Neid und Missgunst dem Selbstbewusstsein schaden und das Empfinden eigenen Lebensglücks beeinträchtigen. Das mag sein.

Und sie liefern Strategien, wie man dem begegnen können soll, etwa durch lernen, mit dem eigenen Leben, so wie es ist, zufrieden zu sein oder etwas am eigenen zu Leben ändern, so dass es mehr den eigenen Vorstellungen entspricht. Neidgefühle seien immer ein Zeichen für Unzufriedenheit mit dem Selbst und dem eigenen Leben.

Mit Verlaub, aber mir klingt das wie manches auf Beschwichtigung und eine vermeintliche Erlösung im Jenseits zielende Eiapopeia, welches allsonntäglich von den Kanzeln der Kirchen unter die Schäfchen der Gemeinden gesäuselt wird und wirklich ursächliche Probleme möglichst ausspart.

Ja, ich bin mit meinem Leben durchaus nicht nur zufrieden. Jedoch hat das nichts mit Neid gegenüber anderen, ihren Fähigkeiten, ihren Besitztümern, ihrem Lebensglück zu tun. Dass andere Menschen andere, auch weiterreichende, Fähigkeiten haben als ich, dass sie einen größeren Besitz ihr eigen nennen können, dass sie über lange Zeiträume gänzlich zufrieden, mit sich und der Welt im Reinen sind, macht mich weder neidisch noch unglücklich.

Ich kenne keinen Neid!

Wie mir scheint, ist das eine sehr besondere Eigenschaft, an deren Ehernheit offenkundig sogar enge Vertraute von mir fortgesetzt ihre Zweifel haben. –

So geschah es kürzlich wieder einmal, dass eine Freundin sich bei mir entschuldigte, weil sie mich gerade in einer Zeit, in der ich eine Reihe trauriger und unschöner Geschehnisse zu verarbeiten hatte, darin einweihte, in einer neuen Beziehung endlich wieder einmal wahres Glücksgefühl zu empfinden – sie meinte, mich gerade in einer für mich schweren Zeit an so etwas teilhaben zu lassen, sei wohl etwas makaber gewesen.

Ich erwiderte darauf sinngemäß, dass mich Freude und Glück anderer Menschen überhaupt nicht betrüben, schon gar nicht, wenn es Menschen sind, die mir etwas bedeuten. Ich schrieb ihr, dass es womöglich unglaublich erscheine, ich aber keinen Neid oder etwas Ähnliches kenne, schon gar nicht, wenn es um mir nahe stehende Menschen geht – aber eben auch generell nicht. Wenn ich erleben darf, dass Menschen Freude empfinden, glücklich sind, dann schenkt mir das vielmehr Zuversicht.

Und ich weiß, bei allem Ungemach und der mir eigenen Schwermut, die mich oft doch recht schnell befällt, dass meine Sorgen und Probleme relativ sind, ja sogar klein und nichtig im Vergleich zu vielem, was sonst Menschen in meinem Umfeld bzw. in der großen weiten Welt durchstehen müssen. Ich habe kein Recht in Selbstmitleid oder Agonie zu verfallen. Solange meine eigene Kraft reicht, werde ich mich immer gegen so etwas stemmen.

So habe ich ihr geschrieben und so denke und empfinde ich tatsächlich.

Bei vielen Menschen ist das wohl anders. Eine große Zahl der Alltagsgespräche in meinem Umfeld dreht sich um Besitztümer anderer, die man selbst erstrebt. Und man ist von Neid durchdrungen, der sich zum Beispiel als mehr oder minder nagender Hunger nach diesem oder jenem Konsumgut, sei es nun ein 3D-TV-Gerät, die neueste Spielekonsole oder das angesagteste Kleidungsstück äußert. Nur durch Erwerb des Begehrten ist dieser Hunger zu stellen. Vorübergehend …

Wenn es aber nicht Neid ist, der die Ursache meiner Lebensunzufriedenheit determiniert, was ist es dann? –

Es ist die Unzufriedenheit mit den Verteilungsmechanismen in unserem Land, in unserer Gesellschaft, im globalen Rahmen. Die Unzufriedenheit über den diesen Mechanismen zugrunde liegenden Charakter von Menschen, Parteien, Verbänden, „Demokratien“. – Das ist etwas ganz anderes als Neid.

Um dieser Unzufriedenheit den Nährboden zu entziehen, reicht es nicht aus, mit dem eigenen Leben zufrieden oder bemüht zu sein, es beständig zu verändern, dass es den eigenen Vorstellungen noch mehr entspricht. Denn das eigene Leben existiert nicht im luftleeren Raum. Es ist ein Leben, dass durch die Interaktion in der Gesellschaft geprägt und beeinflusst wird, ja, nur durch diese Interaktion überhaupt eigenes Leben sein kann. So nehme ich mein Leben zumindest wahr.

Die Dimension, die einer Veränderung bedarf, ist also eine ganz andere. Sie meint universell die gerechtere Verteilung materieller Ressourcen ebenso wie die immaterieller Werte, wie etwa Bildung. Sie meint so die Bewahrung bzw. Wiedererlangung eines würdevollen Lebens für jeden einzelnen Menschen im Kontext von Familie, Nation und globaler Gemeinschaft

Genau so hoch ist der Anspruch meiner Zufriedenheit!

Und weil dieser Anspruch in so weite Ferne weist und in mir mitunter die Hoffnung und das Vertrauen, dass er denn doch schrittweise erreichbar sein wird, mit den Jahren an Stärke verloren haben und beständig weiter verlieren (die globalen Entwicklungen und Entscheidungen weisen in eine ganz andere Richtung), bin ich grundsätzlich ein unzufriedener Mensch.

Strategien von Psychologen und Reden von Kirchenkanzeln sind da, als Hilfe oder unterstützendes Geleit postuliert oder nicht, machtlos, sinnlos.

Das könnte allenfalls dann anders sein, wenn ich doch nur(!) neidisch wäre.

Ich fürchte, ich bin unrettbar …

7 Gedanken zu “Neid

  1. Dieser Satz trifft es besonders:
    *Denn das eigene Leben existiert nicht im luftleeren Raum.*
    Durch gewisse Umstände ist manches nicht direkt von uns beeinflussbar, und dort, wo wir die Möglichkeit hätten, nehmen wir sie nicht immer wahr.

    Schwierig, zu retten oder gerettet zu werden …

    Neid oder Hass jedenfalls machen kein einziges Leben leichter, und doch wird unsere ganze Gesellschaft vorwiegend von diesen beiden Komponenten geprägt, wenn man hinter so manche Fassade guckt und mal das oberflächliche Geschwätz derer, die es angeblich gut mit dem Volk meinen, weglässt.

    Deine Unzufriedenheit kann ich nachvollziehen, auch, dass sie sich in (d)einem Leben einnistet, weil man zwar wache Sinne und verantwortungsvolles Denken aufweist, letztlich aber doch zum ohnmächtigen Statisten degradiert wird, da dies zu vielen so besser in den Kram passt.

    Leider habe ich noch kein geeignetes Konzept gefunden – außer etwas ehrenamtlicher Hilfe im möglichen Rahmen, um die eigene Ohnmacht nicht permanent so gravierend zu empfinden. Doch eine Lösung für das weltweite Problem der Menschheit ist es nicht, da müssen wir uns nix vormachen, auch wenn sehr viele Leute Dienst am Menschen tun, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Wie so oft profitieren auch hiervon zu viele, denen kein Profit zustünde, weil sie zu den Hauptschuldigen einer ungerechten Verteilung zählen … und das frustet vermutlich am meisten.

    Könnte man das Leben doch in eine urtümliche Dimension zurückbeamen …

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  2. Ich weiß gar nicht recht, wie ich es ausdrücken soll, aber Dein Kommentar hat mich überwältigt, mir die Sprache für einen längeren Moment verschlagen. –

    Aber keine Sorge, die temporäre Fassungslosigkeit resultierte daraus, dass Du nicht versucht hast, Trost zu spenden, nicht versucht hast, meiner Unzufriedenheit und/oder Frustration irgendwie beizukommen, sondern mit Deinen Worten schriebst: So ist es. Ich verstehe Dich, kann Dein Empfinden nachvollziehen und habe doch auch kein tatsächlich wirksames „Rezept“ gegen die eigene Ohnmacht.

    Du hast damit eingestanden, dass es so ein Rezept nicht einfach gibt, es sei denn man bediente sich der Methoden der Nervenheiler, Pfaffen usw. – die ja aber doch nichts ändern, sondern nur auf Verdrängen zielen (und zwar – wenn man es denn mit universellem Blick betrachtet, letztlich, jenes das Leben konterkarierende Verdrängen, das ich zuletzt in meinem Blog anlässich meiner Gedanken zu einem Aphorismus von Friedrich Schorlemmer besprochen hatte)

    Ein solches, aufrichtiges Eingeständnis ohne den Versuch eine (scheinbar) „helfende“ Ausflucht zu präsentieren und dennoch volles Verstehen, ja Mitempfinden zu signalisieren, das obendrein ganz offenkundig aus eigenem Erfahren gespeist ist – ist mir bisher nur ganz, ganz selten begegnet.

    Damit hast Du mir vielmehr Freude und Zuversicht (und damit sogar ein klein wenig „Rettung“) geschenkt als Dir wahrscheinlich bewusst sein wird.

    Dafür möchte ich Dir von ganzem Herzen Dankeschön sagen.

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  3. Neidvoll muss ich anerkennen, dass du wirklich zu beschreiben vermagst, was dich antreibt und wie du dazu kommst wirklich keinen Neid zu empfinden.

    Ich gebe hierbei zu bedenken, dass neidvolle Anerkennung und Neid im Sinne von materiellem Neid, zwei unterschiedliche Paar Schuhe sind. Ich bin ehrlich neidisch, ob deiner Einstellung, ich wünsche mir eine ähnliche, denn manchmal, so gestehe ich beschämt, schleicht sich auch materieller Neid in meine Gedanken.
    Missgunst … nein, aber Neid auf jeden Fall. Auf Geld, auf Chancen, auf die Familie und auch nur auf das Fünkchen Glück, dass ich selbst gerne hätte.

    Doch du hast recht, die gerechtere Verteilung materieller und immaterieller Ressourcen sollte im Vordergrund stehen, nicht das egoistische „ich will!“.

    Wenn die Welt einmal so reich ist, dass selbst der Ärmste zu viel hat, dann ist dies vielleicht sogar möglich. Jedoch unwahrscheinlich ist, dass der Mensch als solche nicht zuerst an sich selbst denkt.
    Traurig, aber wahr.

    Mfg,
    Alcani

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  4. Dankeschön für Deinen interessanten, Deinen schönen Kommentar.

    Das mit der „neidvollen Anerkennung“ ist ein interessanter Gedanke. Ich glaube ich vermag den Unterschied zwischen ihr und jenem anderen neid durchaus zu erkennen, zu verstehen und auch weitgehend zu akzeptieren. –

    Dennoch, für mich ist das Denken und Wissen anderer Menschen, jenes mich faszinierende, immer eher Ansporn und Zuversicht spendend als Neidgedanken auslösend – selbst, wenn ich für mich selbst erkennen muss, nie „so weit“ zu kommen.

    Aber, wenn es aus meiner Sicht kluge, dem Wohl der Menschheit und unseres Planeten dienende Gedanken und Erkenntnisse sind, dann überwiegt letztlich ganz einfach Freude darüber, dass es jene Menschen gibt, die da „weiter“ sind als ich.

    Danke noch einmal und einen schönen Gruß für Dich, Alcani!

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  5. VIelen Dank, dass du mich auf diesen wundervollen Text von dir hingewiesen hast!

    Ich kann für mich daraus so einiges mitnehmen. Zum Beispiel, dass ein anderer Zugang zu den Dingen Neid weniger in den Fokus rückt. Wenn man sich viel mehr für die anderen freut, was sie haben, dann scheint Neid nicht mehr so notwenig zu sein.

    Und ich finde du schreibst sehr reflektiert darüber, dass Unzufriedenheit nichts mit Neid zu tun haben muss und der Schluss, den du daraus ziehst, kommt mir sehr bekannt vor. Es ist eine recht negative Sichtweise, wo, wie du ja auch schreibst, therapeutisch die Akzeptanz aus der Werkzeugkiste rausgeholt wird. Aber auch ich habe Probleme damit dieses Konzept für mich anzunehmen. Trotzdem bin ich irgenwo tief in mir davon überzeugt, dass Unzurfriedenheit kein Dauerzustand sein muss. Einen für mich optimalen Weg habe ich jedoch noch nicht gefunden.

    Ganz liebe Grüße

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    • Ich bin ja auch immer noch auf der Suche, was ich erreiche sind Etappenziele. Wenn es uns nur gelingt, offen zu bleiben dafür zu FINDEN. Ist manchmal nicht einfach, liebe Julia, aber ich glaube, das wissen wir beide …

      Vielen Dank für Dein positives und wertschätzendes Feedback.

      Liebe Grüße auch an Dich!

      Gefällt 1 Person

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