Tagebuchseite -11-

Nachdem ich zuletzt über mein schon ein wenig in die Jahre gekommenes Mobiltelefon ins Schreiben gekommen bin, meinte meine Frau, als sie dessen gewahr wurde, mit leicht spöttelndem Ernst: „Nun musst Du aber auch über Deine Uhr schreiben.“ –

Also gut, dann schreibe ich nun hier auch die Geschichte meiner Armbanduhr, einem Zeitmesser, der noch weit bejahrter ist als das Mobiltelefon.

Genau am 15.05.1983 habe ich sie in einem Uhrenfachgeschäft in Rostock gekauft. Sie gehörte zu den ersten in der DDR produzierten Armbanduhren mit digitaler Anzeige, und ich war sehr stolz, fortan eine so tolle Uhr zu besitzen. Gekostet hat sie damals 345,- DDR-Mark. Das war seinerzeit sehr viel Geld. Ich stand kurz vor meinen Abiturprüfungen, und die Uhr war meine erste größere Anschaffung vom über viele Jahre sehr mühsam angesparten Taschengeld. – Eine „Aufwertung“ erfuhr sie wenige Jahre später noch, als ich sie mit einem Metallgliederarmband, welches meine Eltern während einer ihrer wenigen Auslandsreisen in Moskau für damals 6 Rubel 50 (ist eingestanzt!!) erstanden hatten, versehen konnte.

Uhr und Armband trage ich jeweils seit dem ersten Tag, an dem sie in meinen Besitz übergegangen sind, ohne jede Unterbrechung.

Ich muss zugeben, dass vor allem die Uhr, insbesondere was ihr Äußeres betrifft, verschiedensten, über die Jahre zahlreichen Umwelteinflüssen, erheblichen Tribut zollen musste. Sie ist nicht wassergeschützt, und so ist während kräftiger Regenschauer immer mal wieder Wasser zwischen Glas und Zifferblatt geraten. Reste dieser „Einflutungen“ sind seit langem als fleckige, grünockerfarbene Oxidablagerungen dort verewigt. Denn kein Juwelier oder Uhrmacher zeigte sich bislang in der Lage oder willig, eine Reinigung an den sensiblen Stellen vorzunehmen. Darüber hinaus sind außerdem buchstäblich Bisswunden des Zahns der Zeit an Glas und Gehäuse der Uhr wahrzunehmen, und auch ihre Beleuchtung funktioniert schon lange nicht mehr.

Aber, sie ist überaus zuverlässig vor allem aufgrund einer nach wie vor außerordentlichen Ganggenauigkeit. Kein Termin, keine Abreise, kein Rendezvous ist mit ihr als Begleiterin je in Gefahr gewesen. Schon zu Treffen mit meiner Ehefrau war ich mit ihr und durch sie bereits lange bevor meine Ehefrau meine Ehefrau wurde, stets pünktlich auf die Minute. (sic!)

Ihren Ersatz durch eine von drei weiteren Armbanduhren, die ich sonst noch mein eigen nennen darf (eine davon ist noch älter, ein ebenso funktionstüchtiges wie zeitlos ansehnliches sowjetisches Modell – eine ist, mit dem Logo meines Arbeitgebers versehen, vor einigen Jahren ein Geschenk zur 15jährigen Betriebszugehörigkeit gewesen – und die dritte ist ein in der Tat noch junges Erbstück meines Großvaters und wohl die „hübscheste“ von allen), habe ich trotz diverser Proteste und Schambekundungen vor allem aus der allernächsten Verwandtschaft, bislang nie ernsthaft in Erwägung gezogen.

Die Gründe dafür lassen sich nun weniger als bei meinem Mobiltelefon aus dem Wissen um vermeidbare Elektroschrottexporte oder Rohstoffknappheit herleiten. Ich bin auch kein Nostalgiker (wenigstens nicht im strengen Sinne) und auch keiner jener Zeitgenossen, deren moderne Jäger- vor allem aber Sammlerleidenschaft sich quasi unaufhaltsam in Richtung Messietum entwickelt.

Nein, es ist schlicht und einfach so, dass die Uhr längst eine Art ideellen Wert für mich erlangt hat. Immerhin hat sie knapp die Hälfte meines Lebens mit mir gemeinsam erlebt. Wir haben zusammen erfolgreich studiert (zweimal sogar), geheiratet und sogar den Wechsel von einer Gesellschaftsordnung in eine andere überstanden, Schrammen und Kratzer eingeschlossen , sie wie ich.

Ideelle Werte sind heute sehr selten geworden, so scheint mir. Das allgegenwärtige und von produzierender, wie Werbeindustrie kräftig katalysierte „Ex und Hopp“ ist alles andere als ein Nährboden für eine tragfähige Beziehungsentwicklung zu Dingen , die wir benutzen, gebrauchen, auch solchen, die uns einfach nur umgeben, die einfach(noch) „da“ sind, wie die Natur beispielsweise.

Solche Beziehungen sind aber immens wichtig als Grundlage dafür, Dinge, die wir benutzen, die uns umgeben, zu achten – vielmehr noch, die Arbeit, die Mühsal, die Phantasie der Menschen, die sie hergestellt, entwickelt haben, deren Arbeit in ihnen steckt. – Ideelle Werte als Spiegel und Resultat derartiger Beziehungen sind also schlussendlich Ausdruck von Wertschätzung, von Achtung und Respekt gegenüber Menschen und gegenüber der Natur – letzterer sowohl als Geschenk der Schöpfung, als auch als (endlicher) Rohstofflieferant für unsere Uhren, unsere Kleidung, unsere Möbel, unsere Autos und alles andere, was unser Leben überhaupt erst jeden Tag aufs neue wieder ermöglicht. Sie sind Fundament eines Lebens, welches das Attribut menschlich in seiner ureigensten Bedeutung verdient.

Eine „Ex und Hopp“ – Mentalität lässt nicht viel Raum für solcherart Achtung und Wertschätzung. Auch der allgegenwärtige Ruf nach Flexibilität und Mobilität nicht. Er vernachlässigt einen sehr wesentlichen, wirklich menschliches Leben unmittelbar ausmachenden ideellen Wert, den der Heimat.

Heimat hat bei den meisten Menschen nach wie vor viel mit der Verwurzelung, der intensiven Beziehung und Bindung an einen bestimmten Ort, eine bestimmte Region zu tun. Solche Beziehungen und Bindungen entstehen kaum, können sich nicht entwickeln oder gehen verloren, wenn man etwa ständig der Arbeit hinterher ziehen oder dauernd an unterschiedlichen Orten im Einsatz sein muss. Mit den verloren gehenden Beziehungen zu Orten, zu Regionen, gehen aber auch Beziehungen zu Menschen verloren oder können sich gar nicht erst tragfähig entwickeln. Und damit geht Heimat als Wert, ja, als existenzieller ideeller Wert verloren.

Dem, was einem Menschen Heimat ist, bringt er Achtung, Wertschätzung und Respekt entgegen – geht ihm das verloren oder wird ihm das genommen, ist eines seiner wichtigsten Fundamente dafür, wertschätzend und respektvoll zu sein, zerstört.

Wer das verstanden hat, wird auch verstehen, das Integration von Migranten in eine neue, zunächst fremde Mehrheitsgesellschaft, nur gelingen kann und gelingen wird, wenn man diese eine, eigentlich sehr einfache Maxime berücksichtigt: Gib und vermittle jedem Menschen, egal welcher Herkunft, wo immer er ist, ein Stück Heimat! Heimat, die konstitutioneller, ideeller Wert ist oder werden kann.

Meine zweifellos sehr eigene Bindung an meine gute alte Armbanduhr passt auf den ersten Blick sicher nur sehr bedingt in die Betrachtung solch großer Zusammenhänge. Aber:

Was letztlich für den einzelnen Menschen einen ideellen Wert ausmacht, welchen Stellenwert einzelne Menschen oder Sachen in der Hierarchie seiner ideellen Werte einnehmen, mag und wird immer subjektiv, immer spezifisch sein. Wesentlich bleibt, dass sich jeder Mensch ideelle Werte zu erschließen und zu bewahren vermag und seien sie bisweilen auch lediglich an kleine skurrile Dinge gebunden.

So, wie an meine Armbanduhr.

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